Was sind Hintergrundüberzeugungen?
Professor Dr. Wilfried Kuhn vom Institut für Didaktik der Physik der Universität Gießen verwendet in seiner Veröffentlichung: „Das Wechselspiel von Theorie und Experiment im physikalischen Erkenntnisprozeß“ von 1983 wiederholt den Ausdruck „Hintergrundüberzeugungen“. Was verbindet er mit diesem Ausdruck?
Zur Verdeutlichung dieses Ausdrucks gebe ich nachstehend mehrere Zitate hierzu aus der vorgenannten Veröffentlichung (Hervorhebungen durch Fettdruck von Friebe):
„Erst indem GALILEI sich in der Auseinandersetzung mit der aristotelischen Naturphilosophie von deren metaphysischen Hintergrundüberzeugungen langsam löste, wurde ihm die methodische Bedeutung des Experiments immer deutlicher“.
„Wie steht es mit NEWTONs stolzer Behauptung: „Hypotheses non fingo“? Es ist die Behauptung, er komme bei seiner axiomatischen Methode ohne metaphysische Hintergrundüberzeugungen aus“.
„Weiterhin sei betont, daß die KEPLERschen Gesetze keineswegs einfach „Beobachtungsdaten“ sind. Geleitet von metaphysischen Hintergrundsüberzeugungen hat KEPLER sie durch unlogische Handhabung seiner „Hypothesis vicaria“ (Ersatzhypothese) und problematischen ad-hoc-Annahmen in nichtlogischer Weise gegen jede wissenschaftstheoretische Vernunft in geradezu „nachtwandlerischer Weise“ gefunden“.
„G. HOLTON nennt diese metaphysischen Hintergrundsüberzeugungen „Themata“ (11)“.
„Solche außerphysikalischen, quasi-theologischen Hintergrundsüberzeugungen haben besonders bei COPERNICUS und KEPLER, aber eigentlich bei allen großen Forschern eine wichtige stimulierende Wirkung ausgeübt. Aus der pythagoreisch-platonischen Wurzel sind immer wieder neue Triebe gewachsen“.
„Wie und in welchem Sinne bildet eine physikalische Theorie einen Ausschnitt aus der Wirklichkeit ab? Diese Frage ist zu verschiedenen Zeiten und vor verschiedenen philosophischen Hintergrundüberzeugungen ganz unterschiedlich beantwortet worden“.
„Anzumerken ist, daß der objektive Charakter der naturwissenschaftlichen Erkenntnis neuerlich durch die evolutionäre Erkenntnistheorie (LORENZ (12), VOLLMER (13)) eine starke Stütze erhält. Aufgrund des Selektionsdrucks ist es nach dieser Theorie nicht möglich, daß unser Erkenntnisapparat – ein Ergebnis der Evolution – uns keine richtigen Informationen über die Wirklichkeitsstrukturen liefert. Motor und Katalysator der Theoriendynamik sind die in allen Forschungsprogrammen wirksamen metaphysischen Hintergrundüberzeugungen“.
Wichtig in diesem Zusammenhang ist auch der einleitende Absatz der genannten Veröffentlichung von Dr. W. Kuhn (Zitat, Hervorhebung durch Fettdruck von Friebe):
„Mit der Absicht, das Wechselspiel von Theorie und Experiment – die Methode der Physik – zum Gegenstand einer kritischen Betrachtung zu machen, setzt man sich leicht dem Verdacht aus, Eulen nach Athen tragen zu wollen. Der Physiker weiß doch wohl, wie man Experimente anlegt und experimentelle Daten mit theoretischen Konzepten in Verbindung bringt. Eine aufmerksame Betrachtung des Lehr- und Prüfungsbetriebs, sowie das Studium der gängigen Fachliteratur offenbaren jedoch eine sehr unbefriedigende Situation, die als bedenkliche wissenschafts-theoretische Selbstgenügsamkeit vieler Spezialisten charakterisiert werden kann.
Deshalb ist es kaum verwunderlich, wenn dieser Zustand den bekannten Wissenschaftstheoretiker I. LAKATOS zu der Bemerkung reizte, viele Physiker verstünden von dem wissenschaftstheoretischen Hintergrund ihrer Disziplin so viel wie die Fische von der Hydrodynamik (1). Grund genug sich mit dieser „Hydrodynamik“ immer wieder auseinanderzusetzen.
Die zitierte Metapher von LAKATOS sollte aber keine Polemik vermuten lassen. Die Absicht der folgenden Untersuchung ist eine wissenschafts-theoretisch-didaktische. Um das Wechselspiel von Theorie und Experiment wirklich verstehen zu können, sollen die entscheidenden Entwicklungslinien der Herausbildung der physikalischen Methode im historischen Kontext analysiert werden.
Damit folgen wir der These MAX JAMMERs: „Was eigentlich Physik ist, kann nur historisch verstanden werden“ (2)“.
(Zitatende)
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Beste Grüße Ekkehard Friebe
- 29. Oktober 2009
- Deutschsprachige Kritik der Relativitätstheorie
- Kommentare (1)
Diese Thematik kann sicherlich unter sehr vielen Aspekten betrachtet werden. Wer Forschungen an einem Forschungsgegenstand betreibt, für den öffentlich erreichbar keine Erfahrungswerte basieren, wird Entscheidungen darüber zu treffen haben, welchen Weg der Erkenntnisgewinnung er beschreiten will. Er wird eine „metaphysische Hintergrundüberzeugung“ auswählen müssen – sowas hat man – meines Erachtens – als Wissenschaftler nicht, sondern das wird methodisch gewählt. Als Beispiel sei einmal die Grundüberzeugung genannt, ob man sich einem Phänomen äthertheoretisch oder ballistisch nähern will oder ob man auf jegliches Konzept von Verständnis und Anschauung verzichten und rein induktiv aus beobachteten Erscheinungen mathematisches Modell entwerfen will. Dass die Wahl zwischen Verständnis oder anschauungsloser Abstraktion ebenso auf einer bestimmten Weltsicht beruht wie die inhaltliche Festlegung des Wahrheitsbegriffes, sollte angenommen werden können. Erst nach einer solchen Einbettung der weiteren Forschungsarbeit in eine gesellschaftliche und Kosmologische Sichtweise, kann es zur Erarbeitung einer Theorie kommen. Wobei mögliche unterschiedliche Theorien von Einzelpersonen oder kleinen Gruppen nicht gleichzeitig parallel entwickelt werden können. Erst nachdem der Entwurf einer Theorie abgeschlossen ist, kann es an Experimente gehen, die die Hypothese bestätigen oder nicht. Entgegen aller Experimentlastigkeit, kann der Forschungsvorgang vielleicht als Sequenz der Tätigkeiten: Einbettung in den Gesamtzusammenhang, Theoriewahl und Theorieentwurf, Bestätigung durch überprüfbare Experimente.