Dr. Harald Zycha: „Kybernetisches Konzept der Ganzheit der Natur“ – Kritik der gegenwärtigen Naturwissenschaft

Hiermit nehme ich Bezug auf das bereits früher von mir empfohlene Buch: 
Dr. rer. nat. Harald Zycha: „Natur – Ganzheit – Medizin“
und bringe nachstehend eine Leseprobe hieraus (Seiten 85 bis 87).

Zitat:

Bevor ich mit der eigentlichen Arbeit an der Darstellung des Kybernetischen Konzeptes der Ganzheit der Natur beginne, möchte ich anhand von einigen ausgewählten Fragen noch einmal die ernste Problematik der oben beschriebenen Entwicklung der Naturwissenschaft illustrieren, um die dringende Notwendigkeit zu einem gründlichen Umdenken zu unterstreichen.

Indem es sich bei diesen Fragen klar erkennbar um solche handelt, die unbedingt sauber beantwortet werden müssen, aber über die traditionelle Wissenschaft hinausweisen, sollen sie dem Leser einen Anstoß zu eigenem Denken geben. Und mit ihrer gewiß schon erkennbaren Tendenz zum ganzheitlichen Denken sind sie vielleicht auch geeignet, zu der späteren Darstellung überzuleiten.

Die meisten dieser Fragen werden dem „Normalwissenschaftler“ als überholt erscheinen, weil er sie schon lange als beantwortet betrachtet. Solche Fragen, wie zum Beispiel die nach dem Trägheitsprinzip als einem der bekanntesten Beispiele, stellt man heute nicht mehr, und wer es dennoch tut, setzt sich der Gefahr aus, als Ignorant angesehen zu werden, indem er scheinbar nicht berücksichtigt, daß es zu ihrer Beantwortung schon dieses oder jenes „bestens bewährte“ Naturgesetz gibt.

Wir stoßen damit sofort auf ein ganz allgemeines, übergeordnetes Problem, von dem jedes wissenschaftliche Weltbild einmal betroffen ist: Hat man zu einer wichtigen Frage, um deren Klärung man lange gerungen hat, schließlich eine Antwort gefunden, die nach dem aktuellen Wissensstand einleuchtend erscheint, so verliert sich allmählich das Problembewußtsein. Die große Gefahr dabei ist: Man verfällt einem abstumpfenden Gewöhnungsprozeß, der unabhängig ist davon, ob die Erklärung richtig ist oder nicht!

Man kann dieser Feststellung nicht etwa mit Poppers durchaus einleuchtendem Falsifizierungsprinzip [Anmerkung 1] widersprechen, nach dem jede Theorie nur solange gültig ist, bis sie durch die Erfahrung widerlegt wird und durch eine neue zu ersetzen ist. Denn dieses Prinzip bewährt sich – sofern es in dem heute so amoralischen Wissenschaftsbetrieb überhaupt beachtet wird – nur innerhalb eines allgemein anerkannten übergeordneten Wissenschaftsrahmens (Paradigma, Weltbild) [Anmerkung 2].  Je tiefer jedoch im philosophischen Fundament sich der Fehler befindet, desto weniger ist man überhaupt in der Lage, ihn zu erkennen, geschweige denn bereit, daran etwas zu ändern.

Hier wie in vielen anderen entscheidenden Situationen wirkt ein eigentlich ganz natürliches Prinzip, von dem alle Lebewesen (Tier oder Mensch) regiert werden, das ich als „psychologischer Schlupf“ bezeichne (Unter „Schlupf“ versteht man in der Antriebstechnik einen Mitnahme-Defekt etwa zwischen zwei Kupplungsscheiben, wenn die Kupplung „rutscht“.): Was zu sehr an der Grenze oder gar außerhalb des (momentanen) eigenen Wahrnehmungs-Rahmens liegt, nimmt man nicht mehr wahr, obwohl man es rein physikalisch (mit seinen Sinnen) oder geistig (mit dem Verstand) wahrnehmen könnte. Dieser Wahrnehmungsrahmen wird geprägt durch Erziehung, (Hoch-)Schule und Tradition, oder schließlich über die Genetik. Beim Menschen ist das nach vielen Generationen oft kaum noch zu unterscheiden.

In unserem Falle heißt das hier: Stößt man auf ernsthafte Probleme, die innerhalb der „geltenden Wissenschaft“ nicht lösbar sind, so denkt man nicht über das Fundament dieser Wissenschaft nach, sondern greift zu Ad-hoc-Hypothesen, mit denen man einen Fehler nach dem anderen repariert. Das ist zwar bequem, führt aber niemals zu einer „restitutio ad integrum“, sondern nur zu chronischem Siechtum. Unsere heutige Naturwissenschaft enthält viele solcher Provisorien, die zur dauerhaften Einrichtung geworden sind. Diese Problematik sollte aus der vorangegangenen Darstellung der wissenschaftlichen Entwicklung wirklich mehr als deutlich geworden sein! Und ich habe hier nicht ohne Absicht eine medizinische Ausdrucksweise gewählt, denn dieses Denken beherrscht in noch extremerem Ausmaß die gesamte heutige Hochschulmedizin!

Wenn also Thomas Kuhn in seinem Buch „Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen“ sagt, daß auch die Ad-hoc-Hypothesen ihre Grenzen haben, bis das Maß voll ist und eine wissenschaftliche Revolution stattfindet [Anmerkung 3],  so hat er vielleicht noch nicht das ganze Ausmaß der fast unvorstellbaren dogmatischen Starrheit der heutigen Wissenschafts-Struktur im Auge gehabt, oder die angemahnte Revolution wird auch eine politische, die alles Bisherige in den Schatten stellen wird. Wir müssen bedenken: Niemals zuvor hat es in weltweiter Verbundenheit (Globalisierung!) eine so große Anzahl von Wissenschaftlern und eine noch viel größere, geradezu unvorstellbare Zahl von wissenschaftli­chen Publikationen innerhalb eines Denksystems gegeben. Das alles müßte gegebenenfalls revidiert werden, ganz zu schweigen von den vielen gigantischen Forschungsprojekten, die neu überdacht oder eher abgeblasen werden müßten. Einen solchen, alle Vorstellungen übersteigenden Trägheits­faktor, der heute mehr denn je auch ein Wirtschaftsfaktor ist, hat es in der bisherigen Geistesgeschich­te noch nie gegeben, daran können auch Kuhns Vorstellungen scheitern!

Es ist heute nicht einmal einfach, abseits der so fest eingefahrenen Bahnen der Wissenschaft überhaupt irgendwelche skeptischen Fragen zu stellen. Wer das tut, erscheint, sofern er überhaupt zur Kenntnis genommen wird, bis zur Lächerlichkeit naiv. Und das nicht nur vor der „orthodoxen“ Wissenschaftler-Gemeinschaft („scientific community“), sondern sogar vor dem ganzen Laien-Volk, das an seine wissenschaftliche Führungselite heute so fest glaubt wie an eine göttliche Instanz. Ich zitiere hier wegen der schweren Konsequenzen noch einmal die schon erwähnte Aussage Rudolf Virchows: „Es ist die Wissenschaft für uns Religion geworden.“ [Anmerkung 4]  Denn an einer Religion ist niemals etwas zu ändern; wer hier zweifelt, ist ein Ketzer…

Man kann aber in der Tat an solche Fragen nur naiv herangehen: indem man sich über seine bereits erworbenen (indoktrinierten) Kenntnisse hinwegsetzt, sich also in einen kindlich unbefangenen, noch von keiner (Hoch-)Schulausbildung beeinflußten Zustand zurückversetzt. Die meisten Kinder haben eben diese unbekümmerte Leichtigkeit des Denkens, und wer Kinder hat, erinnert sich gewiß an manche Fälle, in denen er über eine ungewohnte Frage mehr in Erstaunen geraten ist, als eine Antwort zu wissen. Kleine Kinder sind oft die besten Philosophen!

Ich möchte also den Leser bitten, sich nach Möglichkeit in einen solchen unbefangenen Zustand zurückzuversetzen und die bekannten Antworten unserer Wissenschaft zu den im folgenden angeführten Fragen zunächst etwas in den Hintergrund zu stellen und statt dessen seinen eigenen Verstand zu gebrauchen (sapere aude!). Soweit schon hier ohne Kenntnis der späteren Darstellung eine (vorläufige) Antwort gegeben werden kann, werde ich es hier versuchen. Ab Teil III werde ich aber ausführlich auf diese Themen zurückkommen. Bei den hier angeschnittenen Fragen handelt es sich um eine kleine, vielleicht etwas willkürliche Auswahl, zunächst zur Physik als Basis aller Naturwissenschaft und Medizin, sodann zur Medizin selbst. Diese Probleme können hier nicht erschöpfend behandelt werden, meine Ausführungen sollen in erster Linie nur zum Denken anregen.

(Zitatende)

Siehe hierzu auch:
„Die Medizin steht vor radikalen Umbrüchen“  und: 
„Die Rolle der Mathematik in der Naturwissenschaft“

Beste Grüße Ekkehard Friebe 

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