Thomas Samuel Kuhn: „X. Revolutionen als Wandlungen des Weltbildes“ (1. Fortsetzung)

Aus dem bereits als Buchempfehlung genannten Buch
Thomas Samuel Kuhn: „Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen“
bringe ich jetzt eine weitere Leseprobe (Seiten 124 bis 126) aus dem Kapitel:
„X. Revolutionen als Wandlungen des Weltbildes“ der 2. deutschen Auflage von 1976:

Zitat:

Die Versuchspersonen bei dem in Abschnitt VI. besprochenen Experiment mit den veränderten Spielkarten erlebten eine ganz ähnliche Umwandlung. Bevor sie durch verlängerte Darbietung gelehrt worden waren, daß die Welt veränderte Spielkarten enthielt, sahen sie nur die Karten, auf die sie durch ihre früheren Erfahrungen eingestellt waren. Nachdem die Erfahrung sie aber mit den erforderlichen zusätzlichen Kategorien vertraut gemacht hatte, waren sie in der Lage, alle anomalen Karten bei der ersten Betrachtung, die lang genug war, um überhaupt eine Identifizierung zu gestatten, zu erkennen. Andere Experimente zeigen, daß auch die wahrgenommene Größe, Farbe usw. von experimentell dargebotenen Objekten je nach der früheren Übung und Erfahrung der Versuchspersonen variiert [Anmerkung 2].

Bei einer Überprüfung der reichen Experimentalliteratur, der diese Beispiele entnommen sind, kommt der Verdacht auf, daß für die Wahrnehmung selbst etwas Ähnliches wie ein Paradigma vorausgesetzt werden muß. Was ein Mensch sieht, hängt sowohl davon ab, worauf er blickt, wie davon, worauf zu sehen ihn seine visuell-begriffliche Erfahrung gelehrt hat. Bei mangelnder Übung darin kann es nur, wie William James es ausdrückt, »eine verteufelt wilde Verwirrung« geben.

In den letzten Jahren haben einige von denen, die sich mit der Geschichte der Wissenschaft befassen, Experimente wie die soeben beschriebenen äußerst anregend gefunden. Besonders N. R. Hanson hat Gestaltdemonstrationen verwendet, um einige der auch mich hier beschäftigenden Konsequenzen wissenschaftlicher Überzeugung herauszuarbeiten [Anmerkung 3].

Andere Kollegen haben wiederholt festgestellt, daß die Wissenschaftsgeschichte einen besseren und geschlosseneren Sinn ergäbe, wenn man annehmen könnte, daß auch Wissenschaftler gelegentlich Wahrnehmungsverschiebungen wie die vorher beschriebenen erleben. Aber so anregend psychologische Experimente auch sind, sie können nach der Natur der Dinge nicht mehr sein als das. Sie zeigen zwar Eigenschaften der Wahrnehmung, die für die wissenschaftliche Entwicklung zentral sein könnten, sie beweisen aber nicht, ob die von einem Forscher geübte sorgfältige und kontrollierte Beobachtung überhaupt an diesen Eigenschaften teilhat. Außerdem macht gerade die Eigenart solcher Experimente jede unmittelbare Demonstration dieses Punktes unmöglich. Wenn geschichtliche Beispiele die psychologischen Experimente als relevant erscheinen lassen sollen, müssen wir zunächst feststellen, welche Daten wir von der Geschichte erwarten können und welche nicht.

Die Versuchsperson bei einer Gestaltdemonstration weiß, daß sich ihre Wahrnehmung verschoben hat, da sie diese wiederholt wechseln lassen kann, während sie dasselbe Buch oder Stück Papier in der Hand hält. Der Tatsache bewußt, daß sich in ihrer Umwelt nichts verändert hat, richtet sie ihre Aufmerksamkeit in steigendem Maße nicht auf die Figur (Ente oder Kaninchen), sondern auf die Linien auf dem Papier, auf das sie blickt. Schließlich kann sie sogar lernen, die Linien zu sehen, ohne eine der Figuren wahrzunehmen, und sie vermag dann zu sagen (was sie vorher nicht einwandfrei konnte), daß sie wirklich diese Linien sieht, jedoch abwechselnd einmal als Ente und einmal als Kaninchen. Aus dem gleichen Grund weiß die Versuchsperson bei dem Experiment mit den anomalen Spielkarten (oder genauer gesagt, sie kann dazu gebracht werden zu wissen), daß ihre Wahrnehmung sich verschoben haben muß, weil eine äußere Autorität, nämlich der Experimentator, sie überzeugt, daß sie ohne Rücksicht darauf, was sie gesehen hat, die ganze Zeit auf eine schwarze Herz Fünf geblickt hat. In beiden Fällen, wie auch bei allen ähnlichen psychologischen Experimenten, liegt die Wirksamkeit der Demonstration darin, daß sie auf diese Weise analysiert werden kann. Solange es keine äußere Norm gibt, im Hinblick auf welche ein Wechsel der Sehweise demonstriert werden könnte, ist es nicht möglich, zu einem Schluß über alternative Wahrnehmungsmöglichkeiten zu kommen.

(Zitatende)

Beste Grüße Ekkehard Friebe 

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