Thomas S. Kuhn: „X. Revolutionen als Wandlungen des Weltbildes“ (5. Forts.)

Aus dem bereits als Buchempfehlung genannten Buch
Thomas Samuel Kuhn: „Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen“
bringe ich nun eine weitere Leseprobe (Seiten 132 bis 134) aus dem Kapitel:
„X. Revolutionen als Wandlungen des Weltbildes“ der 2. deutschen Auflage von 1976:

Zitat:

Müssen wir jedoch wirklich das, was Galilei von Aristoteles, oder Lavoisier von Priestley trennt, als eine Umwandlung des Sehens beschreiben? Sahen diese Männer tatsächlich Verschiedenes, wenn sie die gleiche Art von Objekten betrachteten? Können wir in irgendeinem vernünftigen Sinne sagen, sie hätten ihre Forschung in verschiedenen Welten durchgeführt? Diese Fragen dürfen nicht länger aufgeschoben werden, denn es gibt natürlich einen anderen und weit üblicheren Weg, alle die angeführten geschichtlichen Beispiele zu beschreiben. Viele Leser werden sicher sagen wollen, daß sich mit dem Paradigma nur die Interpretation des Wissenschaftlers ändert, während die Beobachtungen selbst ein für allemal durch die Natur der Umwelt und des Wahrnehmungssystems fixiert sind.

Nach dieser Anschauung haben Priestley wie Lavoisier Sauerstoff gesehen, aber sie interpretierten ihre Beobachtungen unterschiedlich; Aristoteles wie Galilei sahen Pendel, aber ihre Interpretationen dessen, was sie gesehen hatten, wichen voneinander ab.  Ich möchte gleich sagen, daß diese sehr gängige Anschauung von dem, was geschieht, wenn Wissenschaftler ihre Ansichten über grundlegende Dinge ändern, weder ganz falsch noch ein bloßer Irrtum sein kann. Es ist vielmehr ein wesentlicher Teil eines philosophischen Paradigmas, das von Descartes ins Leben gerufen und gleichzeitig mit der Newtonschen Dynamik entwickelt wurde. Dieses Paradigma hat der Naturwissenschaft und der Philosophie gute Dienste geleistet. Seine Ausnutzung, wie auch die der Dynamik selbst, war für ein grundlegendes Verständnis, das vielleicht auf andere Weise nicht hätte erreicht werden können, sehr fruchtbar. Wie aber das Beispiel der Newtonschen Dynamik ebenfalls zeigt, bietet selbst der eindrucksvollste Erfolg in der Vergangenheit keine Gewähr, daß eine Krise auf unbegrenzte Zeit vermieden werden kann. Heutige Forschungsarbeiten auf Teilgebieten der Philosophie, Psychologie, Linguistik und sogar der Kunstgeschichte konvergieren alle in dem Hinweis darauf, daß das traditionelle Paradigma irgendwie schief liegt. Diese mangelnde Übereinstimmung mit der Wirklichkeit wird auch durch das Studium der Wissenschaftsgeschichte, dem unsere Aufmerksamkeit hier in erster Linie gilt, immer deutlicher gemacht.

Keiner dieser krisenfördernden Bereiche hat bisher eine lebensfähige Alternative für das traditionelle erkenntnistheo- retische Paradigma hervorgebracht; sie beginnen aber anzudeuten, welches einige der Eigenschaften des neuen Paradigmas sein werden. Ich bin mir beispielsweise völlig der Schwierigkeiten bewußt, die dadurch entstehen, daß ich sage: als Aristoteles und Galilei schwingende Steine betrachteten, sah der erste einen gehemmten Fall, der zweite ein Pendel. Die gleichen Schwierigkeiten werden in einer noch grundlegenderen Form durch die Einleitungssätze dieses Abschnitts beschworen: Wenn auch die Welt mit dem Wechsel eines Paradigmas nicht wechselt, so arbeitet doch der Wissenschaftler danach in einer anderen Welt. Trotzdem bin ich überzeugt, daß wir lernen müssen, Behauptungen, die diesen zumindest ähnlich sind, einen Sinn abzugewinnen.

Was während einer wissenschaftlichen Revolution geschieht, kann nicht vollständig auf eine neue Interpretation einzelner und stabiler Daten zurückgeführt werden. Zunächst einmal sind die Daten nicht eindeutig stabil. Ein Pendel ist kein fallender Stein, und Sauerstoff ist keine entphlogistizierte Luft. Folglich sind die von Wissenschaftlern gesammelten Daten über diese unterschiedlichen Objekte an sich schon verschieden, wie wir bald sehen werden. Und was noch wichtiger ist, der Prozeß, in dem entweder der einzelne oder die Gemeinschaft den Übergang vom gehemmten Fall zum Pendel oder von der entphlogistizierten Luft zum Sauerstoff vollzieht, ähnelt nicht einer Interpretation. Wie könnte er auch, da es für den Wissenschaftler gar keine feststehenden Daten zu interpretieren gab! Der Wissenschaftler, der sich ein neues Paradigma zu eigen macht, ist weniger ein Interpret, als daß er einem gleicht, der Umkehrlinsen trägt. Er steht derselben Konstellation von Objekten gegenüber wie vorher, und obwohl er das weiß, findet er sie doch in vielen ihrer Einzelheiten durch und durch umgewandelt.

(Zitatende)

Weitere Informationen zu Thomas Samuel Kuhn finden Sie hier.

Beste Grüße Ekkehard Friebe 

 

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