Thomas S. Kuhn: „X. Revolutionen als Wandlungen des Weltbildes“ (3. Forts.)

Aus dem bereits als Buchempfehlung genannten Buch
Thomas Samuel Kuhn: „Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen“
bringe ich nachstehend eine weitere Leseprobe (Seiten 128 bis 130) aus dem Kapitel:
„X. Revolutionen als Wandlungen des Weltbildes“ der 2. deutschen Auflage von 1976:

Zitat:

Die Verschiebung der Sehweise, die es den Astronomen möglich machte, den Planeten Uranus zu sehen, scheint aber nicht nur die Wahrnehmung des vorher bereits beobachteten Objekts berührt zu haben. Ihre Folgen reichten viel weiter. Obgleich das Beweismaterial nicht ganz eindeutig ist, darf man annehmen, daß die von Herschel erzwungene geringfügige Paradigmaveränderung dazu beigetragen hat, die Astronomen für die nach 1801 rasch erfolgende Entdeckung der zahlreichen kleineren Planeten oder Asteroiden vorzubereiten. Wegen ihrer geringen Größe zeigten sie nicht die anomalen Ausmaße, die Herschel wachsam gemacht hatten. Trotzdem waren die Astronomen, weil darauf vorbereitet, weitere Planeten zu finden, in der Lage, zwanzig in den ersten fünfzig Jahren des neunzehnten Jahrhunderts mit Standardinstrumenten zu identifizieren [Anmerkung 5].

Die Geschichte der Astronomie bietet viele andere Beispiele für Änderungen in der wissenschaftlichen Wahrnehmung, die durch Paradigmata herbeigeführt wurden, sogar noch eindeutigere. Kann es denn beispielsweise ein Zufall sein, wenn westliche Astronomen erst in dem halben Jahrhundert, nachdem das neue Paradigma von Kopernikus aufgestellt worden war, an dem vorher unwandelbaren Himmel eine Veränderung bemerkten?

Die Chinesen, deren Auffassung vom Kosmos Veränderungen am Himmel nicht ausschloß, hatten das Erscheinen vieler neuer Sterne am Firmament viel früher festgestellt. Die Chinesen hatten auch — und sogar ohne die Hilfe eines Fernrohrs — das Erscheinen von Sonnenflecken systematisch aufgezeichnet, Jahrhunderte bevor sie von Galilei und seinen Zeitgenossen gesehen worden waren [Anmerkung 6]. Sonnenflecken und ein neuer Stern waren keineswegs die einzigen Beispiele von Veränderungen, die unmittelbar nach Kopernikus am Firmament der westlichen Astronomen auftauchten. Unter Verwendung traditioneller Geräte, manchmal nichts weiter als ein Stück Faden, entdeckten die Astronomen des späten sechzehnten Jahrhunderts wiederholt, daß Kometen nach Belieben durch das All wanderten, das früher den unwandelbaren Planeten und Fixsternen vorbehalten war [Anmerkung 7]. Gerade die Leichtigkeit und Schnelligkeit, mit der die Astronomen jetzt neue Dinge sahen, wenn sie mit alten Geräten alte Objekte betrachteten, läßt uns zu der Metapher greifen, daß die Astronomen nach Kopernikus in einer anderen Welt lebten. Auf jeden Fall reagierte ihre Forschung, als wäre es wirklich so.

Die vorangegangenen Beispiele wurden der Astronomie entnommen, weil die Beschreibungen von Himmelsbeobachtungen häufig in einer Form gegeben werden, deren Vokabular aus relativ reinen Beobachtungsbegriffen besteht. Nur in solchen Berichten können wir so etwas wie eine vollständige Parallelität zwischen den Beobachtungen der Wissenschaftler und denen der Versuchspersonen des Psychologen zu finden hoffen. Wir müssen aber nicht auf einer derart engen Parallelität bestehen, sondern können nur gewinnen, wenn wir unsere Norm etwas lockern. Wenn wir uns mit der alltäglichen Bedeutung des Verbs »sehen« zufrieden geben, werden wir schnell erkennen, daß wir schon vielen anderen Beispielen für die Verschiebungen in der wissenschaftlichen Wahrnehmung, die einen Paradigmawechsel begleiten, begegnet sind. Dieser erweiterte Gebrauch der Ausdrücke »Wahrnehmung« und »Sehen« wird bald eine ausdrückliche Rechtfertigung verlangen, doch soll zuerst ihre praktische Anwendung erklärt werden.

Schauen wir noch einmal kurz auf zwei unserer früheren Beispiele aus der Geschichte der Elektrizität. Während des siebzehnten Jahrhunderts, als ihre Forschung von der einen oder anderen Ausdünstungstheorie geleitet wurde, sahen die Elektriker wiederholt Spreuteilchen von elektrisch geladenen Körpern, die sie angezogen hatten, zurückschnellen oder herabfallen. Das ist zumindest das, was die Beobachter des siebzehnten Jahrhunderts gesehen zu haben behaupteten, und wir haben keinen Grund, die Berichte über ihre Wahrnehmung mehr anzuzweifeln als unsere eigenen. Vor die gleichen Apparate gestellt, würde ein moderner Beobachter elektrostatische Abstoßung sehen (und nicht mechanisches oder gravitationsbedingtes Zurückschnellen); aber im geschichtlichen Verlauf wurde, mit einer allgemein ignorierten Ausnahme, die elektrostatische Abstoßung als solche erst erkannt, nachdem Hauksbees Großapparatur ihre Wirkungen stark vergrößert hatte. Abstoßung nach einer Aufladung durch Berührung war jedoch nur eine der vielen Abstoßungswirkungen, die Hauksbee sah. Durch seine Forschungen wurde — fast wie bei einem Gestaltwandel — die Abstoßung plötzlich die grundlegende Äußerung des elektrischen Zustandes, und es war nunmehr die Anziehungskraft, die eine Erklärung erforderte [Anmerkung 8].

Die im frühen achtzehnten Jahrhundert sichtbaren elektrischen Phänomene waren sowohl feiner wie auch mannigfaltiger als die von Beobachtern im siebzehnten Jahrhundert gesehenen. Oder: nach der Rezipierung des Franklinschen Paradigmas sah der auf eine Leidener Flasche schauende Elektriker etwas anderes, als er vorher gesehen hatte. Aus dem Gerät war ein Kondensator geworden, für den weder die Flaschenform noch das Glas erforderlich war. Vielmehr traten jetzt die beiden leitfähigen Schichten — von denen eine bei dem ursprünglichen Gerät nicht vorhanden war — in den Vordergrund. Wie schriftliche Erörterungen und bildliche Darstellungen Schritt für Schritt bezeugen, waren zwei durch einen Nichtleiter getrennte Metallplatten zum Prototyp der ganzen Klasse geworden [Anmerkung 9]. Gleichzeitig erhielten andere induktive Wirkungen neue Beschreibungen, und wieder andere wurden zum ersten Mal bemerkt.

(Zitatende)

Beste Grüße Ekkehard Friebe 

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