Albert Einstein wechselt zwischen 1915 und 1920 seine erkenntnistheoretische Position, ohne die daraus zwingend sich ergebende Revision seiner SRT öffentlich vorzunehmen

Nachstehend bringe ich den Fehler Nr. 3 zur Theoriestruktur der „wissenschaftlichen“ Behandlung der beiden Relativitätstheorien aus Kapitel 2, Fehler-Katalog  der Dokumentation der Forschungsgruppe G. O. Mueller.

Zitat:

R: Theoriestruktur / Fehler Nr. 3
Albert Einstein wechselt zwischen 1915 und 1920 seine erkenntnistheoretische Position, ohne die daraus zwingend sich ergebende Revision seiner SRT öffentlich vorzunehmen

Albert Einstein hat zur Zeit der Beschäftigung mit der SRT unter dem Einfluß der Gedanken von Ernst Mach empiristisch-positivistische Auffassungen vertreten, die sich deutlich in der SRT niedergeschlagen haben: nur empirisch festgestellte Werte dürfen anerkannt werden, nur die Zeigerstellung der Uhr ist die Zeit, nur dicht nebeneinander stehende Uhren erlauben die Ablesung einer sicheren Gleichzeitigkeit, nur gemessene relative Bewegung zwischen Körpern (wie solche möchte er auch seine Koordinatensysteme behandelt sehen) wird anerkannt, nur was Beobachter beobachten können, stellt eine Erkenntnis über die physikalische Welt dar. Zu Recht führt Geier 1998 (Wiener Kreis), S. 135, in seiner Zeittafel unter der „Vorgeschichte“ des Wiener Kreises für 1905 die SRT auf.

Nach Fölsing 1994 (S. 537) schreibt Albert Einstein an Ernst Mach, Ende 1913: „Für mich ist es absurd, dem ‚Raum‘ physikalische Eigenschaften zuzuschreiben.“ Genau sieben Jahre später war es dann aber doch so weit, in Leiden 1920: da hatte der Raum Eigenschaften. Im Zeitraum 1913 – 20 also wird die Wende stattgefunden haben, während des 1. Weltkriegs.

Aber noch 1921 hat Albert Einstein in seinen Vorlesungen in Princeton (Veröff.: The meaning of relativity; dt.: Vier Vorlesungen über Relativitätstheorie, 1922; ab 1956 u.d.T.: Grundzüge der Relativitätstheorie; zitiert nach Ausgabe 1984) die ältere Position vertreten und dankenswerterweise auch sein Motiv offen gelegt: er will die verderblichen Taten der Philosophen bekämpfen; (S. 6): „Es ist deshalb nach meiner Überzeugung eine der verderblichsten Taten der Philosophen, daß sie gewisse begriffliche Grundlagen der Naturwissenschaft aus dem der Kontrolle zugänglichen Gebiete des Empirisch-Zweckmäßigen in die unangreifbare Höhe des Denknotwendigen (Apriorischen) versetzt haben.“ Albert Einsteins Programm geht gegen die Philosophie, gegen Denknotwendiges, als habe das Denken keine Notwendigkeiten. Den englischen Text hat der Autor von „a harmful effect upon the progress of scientific thinking“ verschärft zu „einer der verderblichsten Taten der Philosophen“: die darin besteht, die Begriffe von Raum und Zeit nicht den Empiristen zu überlassen. Das Motiv gegen die Philosophen sind reine Emotionen, ein Machtkampf um Zuständigkeiten, aber keine neue Erkenntnis.

In den Zwanziger Jahren hat Albert Einstein seine Position auch öffentlich geändert; Kanitscheider 1988 (S. 13): „Max Planck war stark antipositivistisch und antimachisch eingestellt, Einstein aber durch den Einfluß Machs zuerst eher empiristisch orientiert. Es ist zu vermuten, daß Einsteins Wende zu einer realistischen Epistemologie, die sich in Berlin vollzog, nicht zuletzt auf die Einwirkung von Planck zurückgeht.“ Bereits um 1920 zeichnet sich, im Gefolge der ART und im Vortrag in Leiden, eine neue Position Albert Einsteins ab: er selbst führt Aussagen ein, für die es keine Beobachtungen von Beobachtern geben kann, z.B. für Eigenschaften, die der Raum haben soll, reine Spekulationen und Deduktionen, und die Annahme eines Äthers, der mit dem Raum identisch sein soll. Es ist daher kein Wunder, daß in der ART nun völlig andere Behauptungen aufgestellt werden können als in der SRT, über starre Körper, die es nicht mehr gibt, und über die Lichtgeschwindigkeit, die jetzt keine absolute Konstante mehr sein soll.

In einem Gespräch mit Werner Heisenberg hat Albert Einstein 1926 nach dem Bericht von Heisenberg 1969 seine neue Position folgendermaßen charakterisiert (zitiert nach Fölsing 1994, S. 659-660): „Aber Sie glauben doch nicht im Ernst, daß man in eine physikalische Theorie nur beobachtbare Größen aufnehmen kann.“ Und: „Erst die Theorie entscheidet darüber, was man beobachten kann.“

Der Bruch zwischen SRT und ART ist, abgesehen vom neuen Thema Gravitation und vom neuen Prinzip (Äquivalenz), auch die Folge einer neuen erkenntnistheoretischen Position, die, wenn Worte einen Sinn haben sollen, notwendigerweise zu einer Revision des früheren Konstrukts der SRT hätten führen müssen. Valerio Tonini 1955 (Realismo in fisica) ist einer der wenigen Kritiker, die die nach dem Wechsel der Grundauffassungen erforderliche Revision der SRT ausdrücklich verlangt haben (S. 152, Fußnote 85): nach dem Vortrag Albert Einsteins 1920 in Leiden und der Verkündung eines Raumes mit physikalischen Eigenschaften „sia strano come questa veduta di uno ’spazio dotato di proprietà fisiche‘ non abbia condotto EINSTEIN a corregere esplicitamente le dizioni ambigue della prima relatività particolare“ (es ist seltsam, daß die Auffassung eines Raumes mit physikalischen Eigenschaften Einstein nicht dazu veranlaßt hat, die zweideutigen Aussagen der ersten, speziellen Relativität ausdrücklich zu korrigieren).

Für die Kritiker besteht kein Zweifel darüber, was das Ergebnis einer solchen Revision gewesen wäre, hätten Albert Einstein und seine Relativisten sie durchgeführt.
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Einstein, Albert: Grundzüge der Relativitätstheorie. 5. Aufl. 1969, Nachdr. Braunschweig usw.: Vieweg, 1984. 166 S. (Wissenschaftliche Taschenbücher. 58.) – Heisenberg, Werner: Der Teil und das Ganze. München 1969, S. 90-100. – Tonini, Valerio: Realismo in fisica. In: Fisica sovietica (La). Firenze 1955, S. 115 – 153 (= La nuova critica. Studi e rivista di filosofia delle scienze. Quaderno Nr. 1.) – Kanitscheider, Bernulf: Das Weltbild Albert Einsteins. München: Beck 1988. 208 S. – Fölsing, Albrecht: Albert Einstein. 3. Aufl. Frankfurt a.M. 1994. 959 S. – M. Geier: Der Wiener Kreis. 1998.

(Zitatende)  

Den Originaltext zu diesem Zitat finden Sie hier (Seiten 158 bis 160).

Beste Grüße Ekkehard Friebe