50- Dr. Reinhard Schlögl: „Aussenseiter der Naturwissenschaft“
Es folgt jetzt in dieser Fortsetzungsreihe der Abschnitt 50 der Dissertation von Dr. Reinhard Schlögl.
Kapitel 3: GEGENWART, Unterabschnitt: 3.8.2.5 Barth und das Wirkungsquantum
Zitat:
Barth zu den Begriffen Raum und Zeit: Barth beruft sich an dieser Stelle auf Barrow, den Lehrer, Freund und Vorgänger Newtons im Trinity College, der schreibt: „Die Zeit ist kein aktuelles Sein, sondern die Möglichkeit eines… Seins, genau wie der Raum die Fähigkeit des Seins der Grosse bezeichnet.“ Hier, meint Barth, sei die Abstraktion bereits vollständig durchgeführt. Der Raum im besonderen besteht nicht in den räumlichen Beziehungen physikalischer oder geometrischer Dinge, sondern er bietet lediglich… die Möglichkeit zu solchen Beziehungen…“ [Anmerkung 348: G. Barth: „Rationale Physik“, S. 263]. „…Die Atomtheorie setzt willkürlich Grenzen gegen das unendlich Kleine, gegen das Nichts; beim Weltall werden willkürlich Grenzen gesetzt gegen das unendlich Grosse. Das Unbegrenzte ist uns schwer erträglich, wie die zahlreichen modernen Kosmogonien lehren.“ [Anmerkung 349: G. Barth: „Rationale Physik“, S. 263].
Barth bemerkt, dass auch Leibniz in ähnlicher Weise argumentiert, wie Barrow: „Raum ist eine Ordnung der Existenzen im Beisammensein, wie die Zeit eine Ordnung des Nacheinander ist… Der Raum ist nichts anderes als diese Ordnung oder Beziehung selbst und er ist ohne die Körper gar nichts als die Möglichkeit, eine bestimmte Stellung zu geben.“ Dass Leibniz auch davon spricht, dass „Zahlen sich gegen jeden Inhalt, der durch sie gezählt werden kann, gleichgültig verhalten“ hebt Barth als besonders bemerkenswert hervor. Wenn Newton vom Raum als von der Erscheinungen unabhängig spricht und auch von der Zeit als ohne jede Beziehung zu irgendwelchem Äusseren verfliesst, so entspricht dies der Erkenntnis, dass über Zeit und Raum an sich nichts Physikalisches ausgesagt werden kann.“ [Anmerkung 350: G. Barth: „Rationale Physik“, S. 265]. In bezug auf den physikalischen Raum schreibt Barth: „Es ist… sinnlos zu behaupten, der physikalische Raum habe mehr als drei Dimensionen und sei gekrümmt. Aber ebenso sinnlos erscheint mir die Behauptung, der physikalische Raum sei euklidisch und dreidimensional. Dreidimensional sind die materiellen Systeme der Natur… das heisst… richtiger: … Wir können… nur drei Dimensionen feststellen.“
Und er argumentiert in bezug auf Mach, dass etwa auch Räume von mehr als drei Dimensionen als mathematische Hilfsvorstellungen nützlich sein könnten, aber: „man hat es deshalb nicht nötig, dieselben für mehr zu halten als für Gedankendinge.“[Anmerkung 351: G. Barth: „Rationale Physik“, S. 267].
Barth kritisiert den „königlichen Ton“ der Mathematiker, und zitiert eine Aussage Minkowskis aus dem Jahr 1908: „…Von Stund an sollen Raum und Zeit für sich völlig zu Schatten herabsinken und nur noch eine Union der beiden soll Selbständigkeit bewahren.“ Dazu Barth: „Die Natur ist an solche Befehle nicht gebunden.“ [Anmerkung 352: G. Barth: „Rationale Physik“, S. 268].
Kernaussage Barths im Kapitel „Die psychophysische Einheit“ ist: „Wir haben die Wirkungen zweier Körper aufeinander als Wechselwirkungen von Teilen einer Einheit gedeutet. Eben in diesen Wechselwirkungen besteht und manifestiert sich die übergeordnete Einheit. In gleicher Weise müssen wir auch die Wechselwirkungen zwischen Materie und Geist, Leib und Leben, Körper und Seele sehen.“ Gesetz und Zweck seien nicht voneinander zu trennen. An sich sei es besser, das Wort Zweck hier zu vermeiden. Wir sollten es besser durch Richtung, Sinn oder Entelechie im Sinn des Aristoteles ersetzen. Barth folgert: „Da alles, was ist, gesetzmässig ist, genauer: wird… , so hat alles auch sein Ziel in sich. Dies gilt vom fallenden Stein ebenso, wie vom strebenden Menschen… Wer daher die Zielstrebigkeit des Naturgeschehens leugnet, muss konsequenterweise die Naturgesetzlichkeit überhaupt leugnen… Das Naturgeschehen fliesst ständig und überall durch undeterminierte Grenzübergänge… Damit entzieht sich auch die Kausalität einer logisch-exakten Aussage, sie ist nur mehr dialektisch zu fassen: Die Natur ist streng kausal und frei zugleich; im Endlichen (im Sinne der eleatischen Auffassung) streng determiniert, in der Grenze, im Grenzübergang aber frei.“ Schliesslich müssen wir auch die Kausalität als allgemeine Gesetzlichkeit von den einzelnen Naturgesetzen unterscheiden: „Ohne allgemeine Kausalität wäre eine geordnete Welt… nicht möglich. Die Kausalität ist so über Kant hinausgehend apriorische Notwendigkeit.“ [Anmerkung 353: G. Barth: „Rationale Physik“, S. 317]. Für Barth ist die Welt – im Kleinen wie im Grossen – aus den gleichen materiellen Systemen aufgebaut, die in jedem Bereich nach den gleichen Gesetzen aufeinander wirken. Zusammenfassend: „Zwischen den Körpern bestehen elektrische, thermische, optische, magnetische, mechanische… und andere Spannungen, die sich ausgleichen und dabei neue Spannungen der gleichen oder anderen Art verursachen. In diesen Spannungsausgleichen, die in der ganzen Natur sich nach den gleichen Gesetzen vollziehen, aktualisiert sich die Wirklichkeit. Darin liegt die Einheit der .Natur. Aber nicht darin, dass man eine Wirkungsart (Energieform) willkürlich herausgreift und alle anderen Naturerscheinungen auf diese eine Wirkung reduziert. Notwendig muss eine solche künstliche Einseitigkeit… zu unübersteigbaren Schwierigkeiten führen. Der Ausweg ist dann die Flucht ins Irrationale, in die Gesetzlosigkeit, die Rückkehr zum Magischen.“
(Zitatende, Fortsetzung folgt).
Beste Grüße Ekkehard Friebe