44- Dr. Reinhard Schlögl: „Aussenseiter der Naturwissenschaft“
Es folgt jetzt in dieser Fortsetzungsreihe der Abschnitt 44 der Dissertation von Dr. Reinhard Schlögl.
Kapitel 3: GEGENWART, Unterabschnitt: 3.8.2.4 FALLSTUDIE GOTTHARD BARTH, (Fortsetzung).
Zitat:
Zur Auseinandersetzung zwischen Sexl und Barth gehe ich später noch ausführlicher ein, da sich hier das Problem des Aussenseiters und seiner Stellung zur etablierten Wissenschaft besonders plastisch darstellt. Aussenseiter wird nach Auffassung Barths jeder, der sich öffentlich gegen die Relativitätstheorie ausspricht. Als unheilvolle Beispiele nennt Barth die Namen Gehrcke, Soddy, Dingle und Essen: „…ihnen wurde jede Publikationsmöglichkeit gesperrt… Jeder Abtrünnige wird aus der Gemeinschaft der Lebenden ausgeschlossen… Selbst Einstein kann uns da nicht helfen“.
[Anmerkung 293: Gehrcke, a. o. Prof., Berlin; Fachmann für Optik. Einsteingegner. Nach Barth hat er dadurch seine Karriere beendet; obwohl er bedeutende wissenschaftliche Leistungen erbracht hat, ist es ihm nicht gelungen, eine ordentliche Professur zu erlangen. In seinem Hauptwerk geht es um die „Optik bewegter Körper“].
[Anmerkung 294: Herbert Dingle war Professor an der Universität London und ist Einsteingegner. Er ist Verfasser der ersten englischsprachigen Bücher zum Thema Relativitätstheorie und ist Verfasser des Abschnittes „Relativitätstheorie“ in der „Encyclopaedia Britannica“. Später gilt er nach Darstellung Barths vor allem wegen seiner Stellungnahme zum „Zwillingsparadoxon“ als „Ketzer“. In der Zeitschrift „nature“ erhielt er Publikationsverbot. Schliesslich resignierte er mit seiner Kritik an Einsteins Relativitätstheorie.].
[Anmerkung 295: Dr. Louis Essen gilt als der führende Atomuhrenfachmann Englands; er hat die Lichtgeschwindigkeit auf 500 m/sec genau gemessen; Jahre hindurch galt dieser Wert als der weitbeste. Essen ist Einsteingegner und Verfasser einer Arbeit, die sich kritisch mit der Relativitätstheorie auseinandersetzt. Essen hat seine Kritik auch der Royal society vorgetragen. Das soll mit dem Ende seiner wissenschaftlichen Laufbahn in Zusammenhang stehen.]
Und nun zitiert Barth aus einem Brief Einsteins an seinen Jugendfreund Solovine: „Lieber Solovine!… Sie stellen es sich so vor, dass ich mit stiller Befriedigung auf ein Lebens werk zurückschaue. Aber es ist ganz anders von der Nähe gesehen. Da ist kein einziger Begriff, von dem ich überzeugt wäre, dass er standhalten wird, und ich fühle mich unsicher, ob ich überhaupt auf dem rechten Weg bin… das Gefühl der Unzulänglichkeit kommt von innen…“ [Anmerkung 296: Zit. nach Barth: „Relativitätstheorie…“, S. 79]. Barth schliesst diese Arbeit mit den Worten: „Betrüger wie Betrogene müssen das gleiche Interesse haben: dass dieses so beschämende Kapitel in der Geschichte der Wissenschaft so schnell wie möglich vergessen wird. Erst dann kann sich die Physik, befreit von dilettantischen Paradoxien wieder einer rationalen Forschung zuwenden.“ [Anmerkung 297: Zit. nach Barth: „Relativitätstheorie…“, S. 85].
Bezüglich der Lorentz-Transformation – als Grundlage der Relativitätstheorie – ist Barth in jüngster Zeit zu der Erkenntnis gelangt. „Die Lorentztransformation lässt ja die Lichtgeschwindigkeit invariant. Da c = s/t , kann trivialerweise der Wert dieses Bruches nur dadurch unverändert bleiben, indem man entweder 0 addiert oder ihn mit 1 multipliziert. Hier werden aber, wie bereits erwähnt, Zähler und Nenner mit demselben Wert multipliziert. Ich bin nun zu der Erkenntnis gelangt, dass das Ganze nur eine Multiplikation mit 1 ist… Wenn man allerdings die komplizierte Lorentz-Rechnung sieht, dann durchschaut man nicht, dass die Transformationen der Zeiten und Wege gleich gross sind und später beim Bruch durch Kürzen wegfallen.“ [Anmerkung 298: G. Barth (1989) in einer Fernsehaufzeichnung, die sich im Archiv des Verfassers befindet]. „Nun habe ich die Schwierigkeit, die neue Tatsache durchzusetzen. Kein Professor kann zugeben, dass er bis heute nicht bemerkt hat, dass die Lorentz-Transformation nichts anderes als eine Multiplikation mit 1 ist… Je unglaublicher die Kritik ist, umso weniger Aussicht hat sie, akzeptiert zu werden.“
In seiner Zeitschrift „Wissen im Werden“ [Anmerkung 299: „Wissen im Werden“, 1989, Heft l, 22.Jg. S.34] schreibt Barth: „Eine unvorstellbare Katastrophe für die Wissenschaft insgesamt!“
Im Jahr 1962 brachte Barth seine „Rationale Physik – Grundlagen einer Wissenschaft“ heraus; und zwar als Sonderband seiner Zeitschrift „Wissen im Werden – Zeitschrift für Grundlagenforschung der Naturwissenschaften“. Als Auslieferungsort dieser Arbeit gibt Barth die Burg Liechtenstein an, wo er zu dieser Zeit wohnte, und als Kustos arbeitete. Es ist dies eines der wenigen Werke Barths, das er nichts selbst setzte und druckte. Diese „Rationale Physik“ ist. das Hauptwerk Barths. [Anmerkung 300: Prof. Dr. Stjepan Mohorovicic schrieb 1982 über Barths Rationale Physik: „…hier werden die Grundlagen der modernen Physik vom philosophischen, physikalischen und sozialen Gesichtspunkt erörtert… endlich hat die Naturphilosophie neue Gedanken erhalten… der Verfasser stellt sich uns als tiefer Denker vor… wir empfehlen es allen Naturforschern… und Studierenden.“] Hier finden sich alle wesentlichen Grundgedanken seiner später zu behandelnden Lichttheorie und seiner Wärmetheorie enthalten. Barth erweist sich hier nicht nur als Sachkundiger und Kritiker der Grundlagen der Physik, sondern auch als Kenner der Philosophie, insbesondere der Naturphilosophie, und er zeigt stets, in welcher Weise die Wurzeln neuer Denkansätze in die Vergangenheit, insbesondere bis zu altgriechischem Denken zurückreichen.
Dabei tritt die Tatsache zutage, dass Barth bei Erich Heintel studiert hatte. In Hinblick auf die Theorienvielfalt der modernen Physik und in Hinblick auf viele, später aufgezeigte Ungereimtheiten und Widersprüchlichkeiten, die er systematisch am Beispiel konkreter Probleme aufspürt, stellt er folgende Forderung an den Anfang: „Verzichtet man auf die Rationalisierung, hält man ein vernünftiges Erfassen des neu Entdeckten für überflüssig,., so versperrt man sich den Weg in die Zukunft. Eine vollständige rationale Erfassung ist uns… nicht möglich. Daraus ist jedoch nicht der Schluss zu ziehen, dass der Sinn der Natur nicht rational zu erkennen ist… Es kann nicht Aufgabe der Wissenschaft sein, sensationelle Systeme zu ersinnen, wie die Natur sein könnte. Es ist allein ihre Aufgabe, zu verstehen, rational zu erfassen, wie die Natur ist. …Die überstürzte Fülle des Neuen hat uns überwältigt. Es ist uns noch nicht gelungen, festen Grund zu finden…“ [Anmerkung 301: G. Barth (1962): „Rationale Physik“, S. 6] und Barth fügt hinzu: „Die Wissenschaft von den Grundlagen, die Philosophie, hat hiezu kaum etwas beigetragen… die Philosophen verstehen keinen Deut von der Physik. So bleibt die Grundlagenforschung… unbearbeitet. Denn niemand will das Odium des Dilettantismus auf sich nehmen. Gerade die Theoretiker bestehen immer wieder streng auf fachliche Zuständigkeit, vor allem wenn es um ihre schönen Theorien geht.“ [Anmerkung 302: G. Barth (1962): „Rationale Physik“, S. 7].
(Zitatende, Fortsetzung folgt).
Beste Grüße Ekkehard Friebe