15 – Dr. Reinhard Schlögl: „Aussenseiter der Naturwissenschaft“
Es folgt jetzt in dieser Fortsetzungsreihe der Abschnitt 15 der Dissertation von Dr. Reinhard Schlögl.
Kapitel 3: GEGENWART
Zitat:
Ist also das Zurückblicken und der Bezug zu Vergangenem auch für die etablierte Wissenschaft von Bedeutung, so scheint dies bei den Aussenseitern eine besondere Überbetonung zu erfahren. Dass dies für den einzelnen Forscher unter Umständen sogar verhängnisvoll sein kann, wurde unter anderem auch im 2.Kapitel dieser Arbeit am Beispiel von Piazzi Smyth aber auch bei Newton gezeigt. Die Gegenwartssituation ist dadurch gekennzeichnet, dass die Aussenseiter in extrem hohem Mass „aus dem Rahmen fallen“, da sie mit ihren Theorien und Ideen zum Teil sogar eine der Wissenschaft völlig fremde Sprache sprechen (Beispiel: Viktor Schauberger) oder dass sie Wege beschreiten, die von der etablierten Wissenschaft längst verlassen wurden (Beispiel: Stefan Marinov).
„Unter den ‚ganz Verrückten‘ kann es natürlich auch echte Entdecker geben in dem Sinn, dass jede neue Idee auch eine neue Sprache, eine neue Terminologie nach sich zieht.“ [Anmerkung 5: E. Oeser in R. Schlögl (1988): „Aussenseiter der Wissenschaft“, Radiokolleg]
Da also der Unterschied zwischen dem etablierten Wissenschafter und dem Aussenseiter häufig ein qualitativer und nicht bloss ein quantitativer ist, ist es auch schwierig, herauszufinden, welcher Aussenseiter es nun wert ist, mit seinem Produkt wahrgenommen zu werden und wer nicht: „Das ist ausserordentlich schwierig… es nimmt mich Wunder, dass es letzten Endes nur die Gesellschaft ist, die darüber entscheidet und eben nicht der Wahrheitsgehalt einer Theorie… ich muss zugeben, dass es sehr schwer ist, den Wahrheitsgehalt festzustellen und abzuwägen, sodass man es doch in dieser gesellschaftlichen, halb demokratischen Art lassen muss…“, meint R. Riedl [Anmerkung 6: R. Riedl in R. Schlögl (1988): „Aussenseiter der Wissenschaft“, Radiokolleg]
Eine andere Position nimmt E. Oeser ein: „Wahrheit kann man nicht dadurch erreichen, dass man über die Wahrheit einer Theorie sozusagen soziologisch im Sinne einer Abstimmung einzelner Individuen im Sinne eines Mehrheitsbeschlusses diese Wahrheit feststellt. Das heisst, es muss irgendwo einen Mechanismus geben, dem jeder Wissenschafter in seinem Wissensgebiet verpflichtet ist, sodass er die Wahrheit einer Theorie akzeptiert… Einen solchen Mechanismus kann man eben im Wechselspiel zwischen Theorie und Erfahrung sehen, solange eine Theorie durch die Erfahrung bestätigt wird, kann sie akzeptiert werden… sie muß sogar akzeptiert werden. Bei konkurrierenden Ideen kann es möglich sein, dass eine Zeit lang keine empirische oder experimentelle Entscheidung möglich ist; aber im Laufe der Entwicklung der Theorien wird sich sicher einmal die Vorrangigkeit einer Theorie gegenüber einer anderen erweisen.“ [Anmerkung 7: E. Oeser in R. Schlögl (1988): „Aussenseiter der Wissenschaft“, Radiokolleg].
R. Riedl weist auf den Unterschied zwischen „big science“ und „little science“ hin: „Die kleine Wissenschaft ist nicht etwa deshalb klein, weil sie weniger wissenschaftlich wäre – es kann durchaus auch das Gegenteil der Fall sein – sondern weil sie gar nicht in das Establishment hineinkommt und nicht hineingelassen wird.“ [Anmerkung 8: R. Riedl in R. Schlögl (1988): „Aussenseiter der Wissenschaft“, Radiokolleg]
Im Unterschied zu Thomas S. Kuhn, der als Moralist der Wissenschaft bezeichnet werden könnte, da er der Meinung ist, dass die jeweils bessere Theorie überlebt, ist R. Riedl der Ansicht, dass die „schmutzige Wirklichkeit“ anders ist: „Nicht der Erklärungsgehalt oder die Stimmigkeit einer Theorie entscheiden über ihre Akzeptanz, sondern es sind zum Grossteil zumindest über eine Generation hinweg die Entscheidungen einer Gesellschaft.“
[Anmerkung 9: R. Riedl in R. Schlögl (1988): „Aussenseiter der Wissenschaft“, Radiokolleg]
Heute scheint es schwieriger denn je, festzustellen, in welchem Fall es sich um einen „genialer Aussenseiter“ handelt und in welchem Fall nicht. Ich sehe hier Korrelationen zum übrigen kulturellen Umfeld: Auch im Bereich der Kunst ist es ja heutzutage problematischer denn je, eine verbindliche Klassifikation durchzuführen; es ist immer schwieriger geworden, im konkreten Einzelfall zu entscheiden, ob es sich um ein Kunstwerk handelt oder nicht. Man denke nur zum Beispiel an den Wiener Aktionismus.
3.2 Aussenseiter-Vereinigungen, Institute und Gesellschaften von Aussenseitern der Naturwissenschaft in Osterreich und Deutschland und der Schweiz:
Da die meisten Aussenseiter Individualisten sind, fällt es ihnen naturgemäss nicht leicht, in Vereinigungen miteinander auf Dauer zu kooperieren. Es zeigt sich ja stets [Anmerkung 10: Siehe Fallstudien], dass Aussenseiter sich ja zumeist dadurch auszeichnen, dass sie sich nicht in geordnete Strukturen (wie sie eben der etabliierte Wissenschaftsbetrieb darstellt) einfügen wollen. Dennoch existieren Vereinigungen, in denen sich Aussenseiter zusammenfinden, um, wirksamer als im Alleingang – „viribus unitis“ – ihren Thesen zum Durchbruch zu verhelfen. Da ein „Zusammenschluss von Einzelgängern“ jedoch quasi einen Widerspruch in sich darstellt, gelingen gemeinsame Vorhaben meist nur mit temporärem Erfolg. Beispiele dafür sind das österreichische „Tesla-Institut“ oder der deutsche „Internationale Verein zur Förderung der Randwissenschaften“, die im Rahmen dieses Kapitels näher behandelt werden.
Zunächst ein Überblick:
[Anmerkung 11: Ohne Anspruch auf Vollständigkeit]
(Zitatende, Fortsetzung folgt)
Beste Grüße Ekkehard Friebe