14 – Dr. Reinhard Schlögl: „Aussenseiter der Naturwissenschaft“
Es folgt jetzt in dieser Fortsetzungsreihe der Abschnitt 14 der Dissertation von Dr. Reinhard Schlögl.
Zitat:
Kapitel 3 GEGENWART
„Aussenseiter sind die Hofnarren der Wissenschaft!“ Ekkehard Friebe
[Anmerkung 1: Dipl.Ing. Ekkehard Friebe (Patentamt/München)
in R. Schlögl (1988): „Aussenseiter der Wissenschaft“, Radiokolleg]
3.1 Einleitung
Im historischen Teil dieser Arbeit wurde bereits deutlich, dass das Aussenseitertum im Bereich der Wissenschaft ein bunt schillerndes Kontinuum ist. Ein grundlegender Unterschied zwischen diesen Aussenseitern und jenen, die in diesem Kapitel behandelt werden, ist vor allem der, dass im 2.Kapitel zwangsläufig nur von solchen Wissenschaftern die Rede war, die letztlich erfolgreich warn. Naturgemäss sind all jene, die sich nicht durchsetzen konnten, in Vergessenheit geraten und ihre Arbeiten sind entweder verloren gegangen oder nicht mehr zugänglich. So ist ein direkter Vergleich zwischen „historischen Aussenseitern“ und „Aussenseitern der Gegenwart“ praktisch unmöglich. Es bietet sich also folgender Befund:
a) Die „historischen Aussenseiter“ sind erfolgreich und berühmt.
b) Die „Aussenseiter der Gegenwart“ erweisen sich zum Teil als erfolgreich und sind im Großen und Ganzen unbekannt.
Bei praktisch allen Aussenseitern, die in diesem Kapitel zur Sprache kommen, zeigt sich, dass sie folgende, gemeinsame Merkmale aufweisen: Sie besitzen Mut, einen aussergewöhnlichen Bildungsgang, eine besondere Art des Auftretens bzw. der Präsentation ihrer Arbeiten und was speziell den Inhalt ihrer Arbeiten betrifft, eine besondere Vorliebe für „verschüttete Weisheiten“. Der Philosoph G. Schwarz: „Verschüttete Weisheiten sind oftmals heute wieder revolutionär, wobei häufig zu Gedankengängen zurückgekehrt wird, die einst verlassen wurden, weil sie unter Umständen in Sackgassen geführt hatten… nun sind wir aber mit unserem modernen Denken ebenfalls in Sackgassen geraten; …da kommen wir sicher oft auch mit „alten Weisheiten“ wieder heraus.“ [Anmerkung 2: G. Schwarz in R. Schlögl (1988): „Aussenseiter der Wissenschaft“, Radiokolleg]
An dieser Stelle ist auf einen grundsätzlichen Unterschied zwischen Philosophie und den Einzelwissenschaften hinzuweisen: In der Philosophie der Antike war das Phänomen aufgetreten, dass bereits eine ungeheure Differenzierung des Denkens stattgefunden hatte, wobei dort praktisch alle grundlegenden philosophischen Modelle vorhanden waren. Bei den Naturwissenschaften, zum Beispiel der Physik, ist die Lage anders: hier gibt es „Fortschritt“: Die alten Theorien sind als Sonderfälle in den neuen Theorien enthalten. „Ich glaube allerdings, dass in der Physik und auch in anderen Einzelwissenschaften immer wieder Punkte kommen, wo man zurückgehen muss – so zum Beispiel, was das Zahlensystem betrifft… oder das Problem der Raumabstraktion… oder das Problem von Masse und Energie… da gibt es nun das Phänomen… der Materiebegriff scheint mir ein Beispiel dafür zu sein, dass man, wenn man in eine Sackgasse hineingerät, manchmal wieder bis zu jenem Punkt zurückgehen muss, bei dem sich die Wege geteilt haben.“ [Anmerkung 3: G. Schwarz in R. Schlögl (1988): „Aussenseiter der Wissenschaft“, Radiokolleg]
Das Zurückgreifen auf alte, heute zum Teil aus dem Bereich der Wissenschaft verbannte Ideen, finden wir etwa bei Viktor Schauberger, dessen Lehre direkt auf der pythagoräischen Lehre basiert; dieses Phänomen findet sich aber auch zum Beispiel bei Gotthard Barth und seiner „Neuen Lichttheorie auf der Basis der Griechischen Dialektik“. Eine gewisse Sehnsucht nach bestimmten antiken Ideen, die in der etablierten Naturwissenschaft kaum Anerkennung finden, wie etwa die Ideen der Klarheit, Einfachheit, Schönheit, kann man freilich auch bei einigen Nicht-Aussenseitern feststellen. Albert Einstein hat seinen Fachkollegen bekanntlich den Rat gegeben, aus der Vielzahl möglicher Theorien diejenige auszuwählen, die „am schönsten“ ist; und zwar „schön“ im Sinne einer einfachen Struktur. „Obwohl es natürlich auch solche Möglichkeiten gibt, dass die Wissenschaft durch das Wiederaufleben von alten Ideen im neuen Gewand einen Schritt vorwärts tun kann (was ja eigentlich die übliche Vorgangsweise der Wissenschaft ist), dass die alten Ideen eben umformuliert werden und sozusagen auf einer „höheren Ebene“ wiederkehren. Auch so etwas kann es bei Aussenseitern geben, dass durchaus rückblickend auf alte Ideen, die man schon vergessen hat, …unter dem Gesichtspunkt der gegenwärtigen Wissenschaft neue Auslegungsmöglichkeiten dieser alten Ideen auftauchen, zum Beispiel das Harmonieproblem und Symmetrieüberlegungen, die ja schon seit alters her bekannt sind./, also die alten Ideen der Symmetrie, Harmonie, Einheit kehren natürlich in jedem Stadium der Wissenschaft immer wieder… Anderseits: Wenn der Aussenseiter wirklich relevante Ergebnisse für die Wissenschaft bringen will, dann nur so, dass er wenigstens mit ganz bestimmten Ideen den zeitgenössischen Ideen voraus ist… es muss auf jeden Fall ein Vorwärtsblicken sein und nicht ein blosses Zurückblicken.“ [Anmerkung 4: E. Oeser in R. Schlögl (1988): „Aussenseiter der Wissenschaft“, Radiokolleg]
Es handelt sich also darum, sowohl voraus als auch in die Vergangenheit zu blicken. Wissenschaft als nicht linearer Kumulationsprozess versucht stets, bzw. muss versuchen, auch vergangene Erkenntnisse in stets neuem Licht zu sehen. Nach Oeser erfolgt die Entwicklung der Wissenschaft in Form einer Spirale, die zwar – von oben gesehen – als Kreis erscheint, wobei man stets zu demselben Punkt zurückkehrt, aber anderseits gelangt man mit jeder Windung der Spirale auf eine höhere Ebene. Demnach gibt, es also stets ein Voraus-, und ein Zurückblicken, wobei das Alte immer wieder auftaucht, aber niemals in derselben Form wie ehedem. Anderseits gilt aber auch, dass neue Ideen die alten sozusagen „umbringen“, bzw. „ausradieren“ – der Aufgang einer neuen Idee ist also mit dem Untergang einer alten verbunden. In gewisser Weise wird also eine alte Theorie von der neuen zerstört.
(Zitatende, Fortsetzung folgt)
Beste Grüße Ekkehard Friebe