13 – Dr. Reinhard Schlögl: „Aussenseiter der Naturwissenschaft“

Es folgt jetzt in dieser Fortsetzungsreihe der  Abschnitt 13  der Dissertation von Dr. Reinhard Schlögl

Kapitel 1: EINLEITUNG  (Fortsetzung), Zitat:

1.14      Evolutionäre und revolutionäre Wissenschaftsentwicklung und die Rolle der Aussenseiter
Sowohl die „normale“ Entwicklung einer Wissenschaft als auch „Sprünge“ bzw. „Diskontinuitäten“ im Rahmen dieser Entwicklung in Form ausserordentlicher, prin­zipiell neuer Entdeckungen lassen sich unter einen evolutionären Begriff subsumieren. Lediglich die jeweiligen Ablaufgeschwindig­keiten sind unterschiedlich. Unter dem Be­griff der Evolution wird im allgemeinen ein primär kontinuierliches Phänomen gesehen, das ohne grössere „Sprünge“ abläuft; innerhalb dieses „gradweisen“ Sich-Veränderns kann es dennoch grössere „Entwicklungsstufen“ geben: Speziell die moderne Kata­strophentheorie, die eng mit der Evolutionstheorie verknüpft ist, zeigt, dass sich Pha­sen kontinuierlichen Wachstums mit sprunghaften Phasen ablösen, die dann grosse Veränderungen hervorrufen.

Unter den Begriff der Evolution könnte man also auch jenen Begriff subsumieren, der (aus der Sozialgeschichte stammend) den Revolutionsbegriff darstellt. Es gibt dem­nach keine radikalen Unterschiede zwischen Evolution und Revolution, sondern der Unterschied liegt lediglich in der verschiedenen Ablaufgeschwindigkeit bzw. im Wachstumsmodus des Wissens.

Revolutionen sind also nichts anderes als sehr schnelle Evolutionen, bzw. Sprünge oder Brüche in der Evolution, die in jeder Form evolutiver Vorgänge zu beobachten sind. Derartige „Einbrüche“ können einerseits mit dem Untergang von Ideen verbunden sein, anderseits jedoch auch mit dem Untergang von Tierarten – zum Beispiel dem Untergang der Dinosaurier. Hier gibt es eindeutige Analogien. Und es ist zu beobachten: Wird zum Beispiel eine Theorie falsifiziert, so werden damit gleichzeitig auch Möglichkeiten für das Auftreten neuer Theorien eröffnet; Theorien, die häufig schon „im Hintergrund“ warten.

Revolutionen können von Aussenseitern eingeleitet bzw. verursacht werden, und zwar im Sinne grösserer Sprünge innerhalb des evolutionären Wissenschaftsprozesses. Aber es ist auch klar festzustellen, dass dies sehr häufig auch seitens der Vertreter der „Normalwissenschaft“ selbst erfolgt.

Zur Rolle der Aussenseiter in Hinblick auf die Evolution der Wissenschaft meint der Sozialphilosoph G. Schwarz: „Innerhalb der modernen Naturwissenschaft haben Aus­senseiter eine wichtige evolutive Funktion… ohne das Phänomen der Aussenseiter und das Phänomen, dass sie eben auch abgelehnt werden, würde es keine Weiterentwicklung geben… bzw. es würde zu allzu grosser Instabilität kommen.“ [Anmerkung 53: E. Oeser in R. Schlögl (1988): „Aussenseiter der Wissenschaft“, Radiokolleg]

Schon Ludwig Boltzmann hat übrigens in Hinblick auf die Evolution der Physik darauf hingewiesen, dass sich diese Wissenschaft nicht etwa so entwickelt, wie sich der Laie dies vielleicht vorstellen möge; dass nämlich die Physik sozusagen Stück für Stück ihr Wissen vergrössert, sondern die Entwicklung des Wissens in der Physik geht so vor sich, dass eine exceptionelle Forscherper­sönlichkeit plötzlich auf ganz neue Gedanken kommt, die alles bisherige in einem völlig neuen Licht erscheinen lassen und das Bishe­rige in gewissem Sinn auch abändern. H. Pietschmann erinnert aber mit Recht daran:

„Es lässt sich weder sagen, dass Aussenseiter notwendig sind, um die Physik vorwärts zu bringen, noch kann man sagen, dass Aussenseiter eliminiert werden müssen, weil sie die Physik stören, denn es gibt Beispiele für beides.“ [Anmerkung 54: H. Pietschmann in R. Schlögl (1988): „Aussenseiter der Wissenschaft“, Radiokolleg]

(Zitatende, Fortsetzung folgt)
Beste Grüße Ekkehard Friebe

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