11 – Dr. Reinhard Schlögl: „Aussenseiter der Naturwissenschaft“
Es folgt jetzt in dieser Fortsetzungsreihe der Abschnitt 11 der Dissertation von Dr. Reinhard Schlögl.
Kapitel 1: EINLEITUNG (Fortsetzung), Zitat:
1.9 Der wissenschaftssoziologische Aspekt
Der Sozialphilosoph G. Schwarz bezeichnet diesen Aspekt als „evolutiven Aspekt“, der ja zunächst den Sinn hat, die Veränderungen in der Gesellschaft überhaupt erst möglich zu machen. Bei Untersuchungen, deren Anfänge bis in die 30-er Jahre zurückreichen und in den 50-er und 60-er Jahren intensiviert wurden, hat sich gezeigt, dass bestimmte Personen nicht anerkannt bzw. akzeptiert werden und aus Gruppen ausgeschlossen werden. G. Schwarz: „Das ist immer dann der Fall, wenn jemand neu in eine Gruppe hineinkommt…
Die Erklärung dafür ist noch nicht ganz gelungen, aber ein wichtiger Punkt ist sicher der, dass jemand, der neu zu einer Gruppe dazukommt, deren Struktur verändert. [Anmerkung 44: Dies gilt nur für kleine Gruppen. Das Eindringen in grössere Gruppen ist leichter, als das Eindringen in kleinere, geschlossene Gruppen. Anders verhält es sich bei Gruppen, die nur einen lockeren inneren Zusammenhalt haben.]…….Viele Aussenseiter sind dadurch charakterisiert, dass sie eine von der Gruppenmeinung abweichende Meinung haben und diese abweichende Meinung wird von der Gruppe eben nicht akzeptiert.“
Schwarz weist in diesem Zusammenhang auf folgendes Experiment, hin: Eine innerhalb einer Gruppe beliebte Person wird dazu aufgefordert, eine von der Gruppe abweichende Meinung zu vertreten. Diese beliebte Person gelangt sodann mehr und mehr unter Druck. Umfragen unter den Gruppenmitgliedern während des Experimentes ergaben das Aufkommen wachsenden Unmutes über die ursprünglich so beliebte Person. Im Extremfall kann es sogar dazu kommen, dass die ehemals so beliebte Person, so sie nicht „umfällt“ und weiterhin auf ihrer von der Gruppenmeinung abweichenden Meinung beharrt, aus der Gruppe ausgeschlossen wird.
Angewandt auf unsere Problemstellung bedeutet dies, dass dieser Umstand auch jene Wissenschafter betrifft, die integriert waren, dann aber wegen ihrer „Aussenseitermeinung“ in Schwierigkeiten gekommen waren. Piazzi Smyth etwa ist ein solches historisches Beispiel. Ein Beispiel in der Gegenwart ist R. Riedl. [Anmerkung 45: Vgl. 3. Kapitel]
Wieder G. Schwarz: „Viele Wissenschafter der Gegenwart, die Neues bringen, werden häufig zunächst einmal abgelehnt. Dies dient zunächst dem Schutz der Gesellschaft. Wenn man das Phänomen evolutiv betrachtet… dann würde ich sagen: es hat seinen guten Sinn. Neuigkeiten, wie zum Beispiel neue Theorien, stellen ja immer Althergebrachtes in Frage. Die Tatsache, dass sich die Erde um die Sonne dreht und nicht umgekehrt, …hat das Weltbild des Mittelalters erschüttert… die Tatsache, dass wir in einer linearen Abstammungslinie von Vorgängern des Menschen abstammen, hat das Weltbild der Renaissance erschüttert…usw. …immer wenn das Normensystem erschüttert wird, haben die Menschen Angst, dass sie mit dem neuen Normensystem nicht mehr so erfolgreich sein werden, wie mit dem alten. Es muss also ein Anpassungs- bzw. Leidensdruck schon sehr stark sein, damit man sozusagen freiwillig das Normensystem ändert. Und nun kann man überlegen: Das Normensystem muss sicher nicht geändert werden, wenn die Umwelt gleich bleibt und man unter gleichbleibenden Bedingungen sozusagen keine Überlebensprobleme hat. Solange zum Beipiel die Jäger genügend Wild fanden, solange war jener der Tüchtigste, der sozusagen der Aggressivste war. Seit jener Zeit aber, da die Ressourcen schwanden, die Welt also „leer gejagt“ war… die Menschen also keine grossen Überlebensmöglichkeiten mehr durch die Jagd hatten, mussten sie Tiere züchten. Und plötzlich stellte sich heraus, dass derjenige der Tüchtigste war, der etwas vom Züchten der Tiere versteht… also der „Bewahrende“, nicht mehr der Aggressivste war nun der Tüchtigste. Seither also waren die „Jägereigenschaften“ auch nicht mehr in demselben Maß gefragt, wie vorher.“ [Anmerkung 46: G. Schwarz in R. Schlögl (1988): „Aussenseiter der Wissenschaft“, Radiokolleg]
Derartige Wandlungen (also Anpassungen des Verhaltens an geänderte Bedingungen) vollziehen sich freilich nur langsam; und zwar unter Mitwirkung von Aussenseitern: „Ich glaube, dass Aussenseiter hier die wichtigste Rolle spielen, denn sie bereiten die Allgemeinheit darauf vor, dass neue Normensysteme notwendig sind. Würde es keine Aussenseiter geben, also Personen, die die Gesellschaft auf Neues vorbereiten, dann würde eine solche Anpassungsleistung der Gesellschaft nicht möglich sein. Umgekehrt: Würde jeder, der eine abweichende Meinung vertritt, Zustimmung finden und nicht abgelehnt werden, dann würde zu grosse Unsicherheit eintreten und man würde zu rasch das Normensystem ändern. Das bedeutet: das plötzliche Ändern des Normensystems, also die plötzliche Änderung der Gruppenmeinung, ist ebenso undenkbar und schädlich wie das Festhalten am alten Normensystem, das gar keine Änderungen zulässt. In der menschlichen Kultur und Tradition Hessen sich hiezu viele Beispiele für beide Extreme anführen; man denke nur an das Zugrundegehen der Mayas: Ihre Böden waren auf Grund falsch betriebener Landwirtschaft verödet, weil sie keinen Dünger einsetzten. Der vor den Küsten lagernde Vogelmist, der als Dünger geeignet gewesen wäre, hatte für die Mayas männliche totemistische Struktur und eben wegen dieser Struktur konnten sie diesen Mist nicht als Dünger verwenden. Dieses Prinzip war im Rahmen ihrer Kultur nicht zu verändern.“ [Anmerkung 47: G. Schwarz in R. Schlögl (1988): „Aussenseiter der Wissenschaft“, Radiokolleg]
Ein anderes Beispiel bezieht sich auf Kreta: „Dort galt einst das Prinzip, dass die Häuser der Toten aus Stein zu sein hatten und die Häuser der Lebenden aus Holz. Die Priester hielten an diesem Prinzip fest und die Wälder wurden abgeholzt. Hinterher, als kein Holz mehr vorhanden war, mussten auch die Häuser der Lebenden aus Stein gebaut werden. Das bedeutet: Hätte der Lernprozess früher eingesetzt, dann wären die Wälder auf Kreta möglicherweise bis heute erhalten geblieben.“ [Anmerkung 48: G. Schwarz in R. Schlögl (1988): „Aussenseiter der Wissenschaft“, Radiokolleg]
1.10 Der Aussenseiter als Märtyrer?
In seinem Buch „Lohn und Strafe in der Wissenschaft argumentiert der Wissenschaftshistoriker F. Stuhlhofer: „Der Titel eines Märtyrers in der Wissenschaft wird vor allem solchen Wissenschaftern verliehen, denen andere Menschen Schwierigkeiten gemacht haben… Zu Schwierigkeiten mit der Umwelt kam es oft dann, wenn Forscher sich für neue Theorien fanatisch einsetzten bzw. diese für neue Weltanschauungen verwerten wollten oder wenn sie Andersdenkende provozierten. Diese näheren Umstände bei der Entstehung von Schwierigkeiten werden oft übersehen – die Wissenschaftsgeschichtsschreibung sieht dann nur noch den Vorkämpfer für die Wahrheit, dem eine wahrheitsscheue Umwelt das Leben schwer gemacht hat.“ [Anmerkung 49: F. Stuhlhofer (1987): „Lohn und Strafe in der Wissenschaft“, S. 265]
(Zitatende, Fortsetzung folgt)
Beste Grüße Ekkehard Friebe