10 – Dr. Reinhard Schlögl: „Aussenseiter der Naturwissenschaft“
Es folgt jetzt in dieser Fortsetzungsreihe der Abschnitt 10 der Dissertation von Dr. Reinhard Schlögl.
Kapitel 1: EINLEITUNG (Fortsetzung), Zitat:
1.8.1.1 Die Bewahrung der Gruppenidentität
Dazu schreibt Eibl-Eibesfeldt: „…Die bindende Vertrautheit der Gruppenmitglieder basiert… auch darauf, dass eigentlich alle mehr oder weniger nach gleichen Normen handeln und sich damit auch gegenseitig verstehen… Zugleich ist die Einhaltung der gruppenspezifischen Norm ein Mittel der Absetzung gegen andere, die als Fremde nicht den gleichen Normen anhängen… Die Gruppennorm wird verteidigt. Es gibt eine normangleichende Aggression, die sich gegen solche Gruppenmitglieder wendet, die in auffälliger Weise von der Gruppennorm abweichen. Diese normangleichende oder normerhaltende Aggression durchläuft verschiedene Eskalationsstufen, und zwar in allen Kulturen in sehr ähnlicher Weise. Sie führt schliesslich zu einer Ausstossungsreaktion, wenn der Abweichende sich nicht angleichen kann.“ [Anmerkung 36: I .Eibl-Eibesfeldt, „Biologie des menschlichen Verhaltens“, S.409]
Eibl-Eibesfeldt erwähnt in diesem Buch Arbeiten von A. Seywald aus den Jahren 1977 und 1980 und berichtet, dass Seywald ein Gedicht aus dem Jahr 1780 aus dem „Niedersächsischen Wochenblatt für Kinder“ [Anmerkung 37: Niedersächsisches Wochenblatt für Kinder, 1780, 3.Teil, Bremen] entdeckt hatte, das „die Problematik so treffend beschreibt“.
Dieses Gedicht trägt den Titel:
Das Land des Hinkenden:
Vor Zeiten gab ’s ein kleines Land,
Worin man keinen Menschen fand,
Der nicht gestottert, wenn er redte,
Nicht, wenn er gieng, gehinket hätte;
Denn beydes hielt man für galant.
Ein Fremder sah den Übelstand;
Hier dacht’ er, wird man dich im gehn bewundern müssen;
Und gieng einher mit steifen Füssen.
Er gieng, ein Jeder sah in an,
Und alle lachten, die ihn sahn,
Und jeder blieb vor Lachen stehen,
Und schrie: Lehrt doch den Fremden gehen!
Der Fremde hielt’s für seine Pflicht,
Den Vorwurf von sich abzulehnen.
Ihr, rief er, hinkt! Ich aber nicht:
Den Gang müsst ihr euch abgewöhnen.
Das Lärmen wird noch mehr vermehrt,
Da man den Fremden sprechen hört:
Er stammelt nicht; genug zur Schande!
Man spottet sein im ganzen Lande.
[Anmerkung 38: Zit. nach I. Eibl-Eibesfeldt, „Biologie des menschlichen Verhaltens“, S.409f]
1.8.1.2 Das Verspotten des Aussenseiters – der Aussenseiter als Sonderling
Eibl-Eibesfeldt geht auf verschiedene Formen des Verspottens ein: „Gleicht die Person – allen normangleichenden Aggressionen zum Trotz – ihr abweichendes Verhalten nicht an die Gruppennorm an, …dann kann es geschehen, dass sie zum Aussenseiter wird, zum „Sonderling“, oder „Eigenbrötler“, der dann, wie die Worte es trefflich beschreiben, abgesondert ist und sein Brot allein verzehrt. Im Ernstfall kann er sogar von der Gemeinschaft ausgeschlossen werden. Diese Ausstossreaktionen sind dann besonders grausig, wenn der Betreffende gar nichts für sein abweichendes Verhalten kann, etwa weil es sich um eine geistige Verwirrung handelt.“
[Anmerkung 39: Zit. nach I. Eibl-Eibesfeldt, „Biologie des menschlichen Verhaltens“, S. 411]
Eibl-Eibesfeldt berichtet, dass normerhaltende Aggressionen gegen Abweichende auch von Schimpansen und von einer ganzen Reihe anderer Wirbeltiere her bekannt seien. Das spricht für die Deutung, dass stammensgeschichtliche Anpassungsmechanismen wirksam sind. [Anmerkung 40: Zit. nach I. Eibl-Eibesfeldt, „Biologie des menschlichen Verhaltens“, S. 414]
Eibl-Eibesfeldt vertritt die Ansicht, dass die Einhaltung bestimmter kultureller Normen die rasche Abgrenzung gegen „andere“ gestattet und damit die kulturelle Evolution fördert. Aber: In der modernen pluralistischen Gesellschaft sei die normerhaltende Aggression eher störend. Auch an dieser Stelle bricht Eibl-Eibesfeldt eine Lanze für die Aussenseiter: „Gerade die Aussenseiter tragen durch ihre künstlerischen und wissenschaftlichen Leistungen entscheidend zum Wohlergehen der Gemeinde bei. Eine Erziehung zur Toleranz ist daher in unserer Gesellschaft angebracht, und zwar zu Toleranz im Sinne einer Verstehensbereitschaft, was nicht mit genereller Annahme jeder Art von Abweichung gleichzusetzen ist.“
[Anmerkung 41: Zit. nach I. Eibl-Eibesfeldt, „Biologie des menschlichen Verhaltens“, S. 415]
Und Eibl-Eibesfeldt setzt fort: „Als Biologe bin ich grundsätzlich Pluralist… selbst wenn es gelänge, eine einheitliche Menschheit zu erzwingen, bedürfe es danach ständigen Zwanges, sie in diesem Zustand der „Gleichheit“ zu erhalten, denn jede neue Idee, über die sich eine Gruppe neue Lebensformen erschliessen könnte, müsste der Einheitlichkeit zuliebe unterdrückt werden.“
[Anmerkung 42: Zit. nach I. Eibl-Eibesfeldt, „Biologie des menschlichen Verhaltens“, S. 416]
Eibl-Eibesfeldt resümiert, dass alle Menschengruppen ein Wir-Gefühl entwickeln und sich von anderen oft in Kontrastbetonung kultureller Besonderheiten abgrenzen. Die gruppenspezifische Norm wird dabei verteidigt: „Gruppenmitglieder, die von der Norm abweichen, werden zum Ziel erzieherischer Aggressionen, die in allen uns bekannten Kulturen nach einem prinzipiell gleichen Schema ablaufen. Man spottet über das abweichende Verhalten, spricht darüber und „richtet“ so den Abweichenden „aus“. Gelingt es diesem nicht, sich dem Sozialdruck zu fügen, dann läuft er Gefahr, ausgestossen zu werden.“ Und Eibl-Eibesfeldt betont noch einmal: „In der Kleingruppe war es wohl wichtig, dass sich alle voraussagbar, d.h. den Gruppennormen entsprechend, verhielten. In einer pluralistischen Gesellschaft wirkt sich diese Neigung zur Intoleranz störend aus. Ihr entgegenzuwirken, ist eine Aufgabe der Erziehung.“
[Anmerkung 43: Zit. nach I. Eibl-Eibesfeldt, „Biologie des menschlichen Verhaltens“, S. 417]
(Zitatende, Fortsetzung folgt)
Beste Grüße Ekkehard Friebe