07 – Dr. Reinhard Schlögl: „Aussenseiter der Naturwissenschaft“
Es folgt jetzt in dieser Fortsetzungsreihe der Abschnitt 7 der Dissertation von Dr. Reinhard Schlögl.
Kapitel 1: EINLEITUNG (Fortsetzung), Zitat:
1.4.3 Das Streben nach Universalität. Die Unfertige Idee
Auch Universalität kann Kennzeichen eines Aussenseiters sein: So war zum Beispiel Leonardo da Vinci in diesem Sinne sicherlich ein Aussenseiter. Ebenso wie Linne oder Leibniz, so konnte auch er das Wissen seiner Zeit im Grossen und Ganzen noch überschauen. Ich werde später – im 4.Kapitel – noch auf die Frage zurückkommen, wieso das Streben nach Universalität, bzw. universelles Denken eine grosse Rolle für unser Thema spielt, bzw. markantes Kennzeichen vieler Aussenseiter der Naturwissenschaft ist.
An dieser Stelle möchte ich nur andeuten, dass die heuristisch so fruchtbare Methode der Herstellung von Analogien nur dann möglich ist, wenn das Denken fächerübergreifend ist. Wer sich also – überspitzt formuliert – ständig nur in den engen Grenzen seines Fachgebietes bewegt, kann nur schwerlich neue, revolutionäre Ideen entwickeln. Ein Indiz für diese Behauptung ist, dass heutzutage interdisziplinäres Denken mehr und mehr gefordert wird und sich als fruchtbar erwiesen hat. Leonardo da Vinci hat übrigens von sich gesagt, er sei ein Mann ohne Bildung. Er hatte zwar viele Ideen neuzeitlicher Wissenschaft vorweggenommen, sich selbst jedoch als Dilettant bezeichnet. Der Nachteil der Universalität ist: Man gelangt nur schwer „in die Tiefe“; ihr Vorteil jedoch ist der „freie Blick“.
Ein Kennzeichen jener Aussenseiter, die auf einer Vielzahl von Gebieten gearbeitet haben, ist, dass sie viele ihrer Ideen sozusagen unfertig hinterlassen haben. Wobei freilich die Unfertigkeit einer Idee auch von Vorteil sein kann, da sich daran eine fruchtbare wissenschaftliche Entwicklung anschliessen kann. Häufig ist es ja auch der Fall, dass die Grosse einer Idee von ihrem Entdecker gar nicht erfasst wird und die jeweiligen Nachfolger diese Ideen erst im Nachhinein in ihrer ganzen Relevanz ausarbeiten. Als Beispiel sei hier noch einmal Leonardo da Vinci erwähnt; aber auch Leibniz mit seinen vielen Entdeckungen auf dem Gebiet der mathematischen Physik, der Biologie usw. Es taucht also ein Vielzahl heuristischer Ideen auf, die jedoch nicht wirklich „bis ins letzte“ ausgearbeitet werden. Auch Faraday kann hier als Beispiel herangezogen werden, der auf dem Gebiet der Feldtheorie die entscheidende heuristische Arbeit geleistet hatte. Die mathematische Formulierung seiner Theorie wurde allerdings erst durch Maxwell vorgenommen. Ein Extremfall dieses Merkmals kann auch sein, wenn die Ideen überhaupt nur fragmentarisch produziert werden.
Das Reglement der etablierten Wissenschaft verpflichtet den Wissenschafter jedoch im allgemeinen dazu, seine Ideen auch auszuarbeiten, sie also zu wissenschaftlichen Hypothesen und Theorien zu führen. Erst dann sind sie ja überhaupt überprüfbar. Die etablierte Wissenschaft begnügt sich nicht mit dem „Hauch einer Idee“! Erst die ausgearbeitete Theorie ermöglicht, es, ihren Wahrheitsgehalt zu bestimmen.
H. Pietschmann: „Es gibt heute viele Wissenschafter, die nicht über die Grenzen ihrer Wissenschaft hinaussehen wollen… das ist verständlich… Es gibt heute nur ganz wenige Leute, die bereit sind, über die Grenzen ihres eigenen Faches hinauszudenken… es ist notwendig, dies zu tun… Und es ist wichtig, dass sich Physiker auch für philosophische Fragen interessieren.“ [Anmerkung 22: H. Pietschmann in R. Schlögl (1988): „Aussenseiter der Wissenschaft“, Radiokolleg]
Wenn also Aussenseiter gelegentlich so etwas sein können wie „exceptionelle Forscherpersönlichkeiten“, die sich nicht an die Grenzen einer bestimmten Wissenschaft halten, wie zum Beispiel Darwin, der in vielfältigster Weise wissenschaftlich tätig war (er hat unzählige Gebiete behandelt: Das Spektrum seiner Aktivitäten reicht von den Ausdrucksmöglichkeiten des menschlichen Gesichts, über Korallenriffe, geologische Fragen bis hin zu Fragen des Variierens von Pflanzen, Tieren und Menschen); wenn also Aussenseiter solche Menschen sind, die unbekümmert über jede Grenze hinwegsteigen, dann könnte man wohl viele universell denkende Wissenschafter als Aussenseiter bezeichnen. Freilich bedarf es zusätzlich auch noch der Erfüllung anderer Kriterien. E. Oeser: „…Aussenseiter sind auch dadurch gekennzeichnet, dass sie sich… grundsätzlich… nicht in das übliche Netzwerk der Wissenschaft einbinden lassen wollen.“ [Anmerkung 23: E. Oeser in R. Schlögl (1988): „Aussenseiter der Wissenschaft“, Radiokolleg]
(Zitatende, Fortsetzung folgt)
Beste Grüße Ekkehard Friebe