05 – Dr. Reinhard Schlögl: „Aussenseiter der Naturwissenschaft“

Es folgt jetzt in dieser Fortsetzungsreihe der  Abschnitt 5  der Dissertation von Dr. Reinhard Schlögl.

Kapitel 1: EINLEITUNG  (Fortsetzung)

Zitat:

1.3  Versuch einer Begriffsklärung

Aussenseiter ist eine Person dann, wenn sie entweder von Anfang an „aussen“ steht, „von aussen“ kommt oder „nach aussen“ gedrängt wird; wobei „aussen“ „ausserhalb der Gemeinschaft“ bedeutet. Es wird sich zeigen, dass der Begriff „Aussenseiter der Wissenschaft“ äusserst vielschichtig ist: Zunächst lässt sich ein Einteilungsschema aufstellen, in dem Aussenseiter beurteilt werden nach: 

1.3.1      sozialer und beruflicher („ausserwissenschaftlicher“) Herkunft
Beispiele: Michael Faraday war ursprünglich Buchbinder und von niedriger sozialer Herkunft; Alfred Russell Wallace war ebenfalls von niedriger sozialer Herkunft und zunächst Vermessungsgehilfe.

1.3.2        dem Wechsel der Fachrichtung
Beispiele: Ernst Florens Chladni war ursprünglich Rechtsanwalt und Robert Mayer war seiner Ausbildung nach Arzt.

1.3.3        abweichenden Ideen, Hypothesen oder Theorien
Beispiele: Newton und seine Beschäftigung mit Alchemie gehört ebenso hierher wie Piazzi Smyth und seine „Pyramidenspekulationen“ [Anmerkung 9: Vgl. 2. Kapitel]; auch Linne kann zu jenen Aussenseitern der Wissenschaft gezählt werden, die neben ihren wissenschaftlich anerkannten Ideen auch noch ganz andersartige Ideen vertreten hatten. In seinem Fall sind das zum Beispiel seine „letzten Endes religiös motivierten Ideen von der Unveränderlichkeit der Art, was ja nichts anderes bedeutet als die Vorstellung und Hoffnung, dass Gott die Welt von Anfang an so geschaffen hat, wie sie jetzt ist und dass sich keine Veränderungen ergeben; weder im Schlechten, noch im Guten,… was ihn natürlich auf ethisch-moralischem Gebiet zu einem Vertreter einer rigorosen Ethik gemacht hat.“ [Anmerkung 10: E. Oeser in R. Schlögl (1988): „Aussenseiter der Wissenschaft“, Radiokolleg]

1.3.4        Erfolg und Anerkennung
a) Teilweiser Erfolg und Anerkennung
Beispiele: Joseph Loschmidt war zwar als Physiker hochgeachtet, hatte jedoch als Chemiker keinerlei Erfolg. [Anmerkung 11: Vgl. 2.Kapitel] Hans Hass war und ist als Meeresforscher äusserst erfolgreich; was jedoch seine „Energontheorie“ betrifft, so hat er damit nur mäßigen Erfolg. [Anmerkung 12: Vgl. 3. Kapitel]

b) Nahezu gänzlich fehlender Erfolg und Anerkennung
Beispiele: Stefan Marinov und Gotthard Barth, denen im 3. Kapitel -„Gegenwart“-grössere Abschnitte gewidmet sind.

Wie bereits angedeutet, kann jede derartige Einteilung nur einen ganz groben Raster darstellen, innerhalb dessen sich sozusagen das Kontinuum der Realität abspielt. Es wird sich im Laufe dieser Arbeit herausstellen, dass in der Realität praktisch jede be­liebige Kombination dieser Einteilungskriterien vorkommt und dass es praktisch keine scharfe Abgrenzungen gibt. Dies betrifft selbstverständlich auch die soeben angeführ­ten Beispiele.
„Aussenseiter der Wissenschaft“ kann also vielerlei bedeuten: So kann man zum Beispiel dann von einem Aussenseiter sprechen, wenn es sich etwa um jefnanden han­delt, der von Haus aus einen ganz anderen Beruf hat, wie das bei Joule der Fall war; Joule – von Beruf Bierbrauer – war also nicht im Bereich akademisch anerkannter Wis­senschaft tätig, machte aber dennoch Entdeckungen von grosser Bedeutung für die Wis­senschaft. Bei dieser Gruppe von Aussenseitern kann es mitunter zu besonders schroffer Ablehnung seitens der Fachwissenschafter kommen, da hier das Misstrauen dem Eindringling gegenüber naturgemäss (aus psychologischen und soziologischen Gründen) besonders gross ist. Außerdem dürfte das geflügelte Wort eine gewisse Gültigkeit besitzen, das da lautet:
Fachleute sind immer böse, wenn ein Laie auch einmal eine gute Idee hat.“ Statt „gute Idee“ könnte auch „neue Idee“ stehen.

Jede Neuerung stösst zunächst auf den Widerstand der Fachkollegen, da jeder Mensch eine „natürliche Form des Konservativismus“ besitzt und nicht gern von seinen erlernten Ideen abweicht. H. Pietschmann:
„Eine Neuerung spielt sich… in der Physik immer so ab, dass jemand sozusagen sein Ansehen riskiert, indem er sagt: ich glaube, dass wir anders denken oder anders rech­nen müssen; weil er ja zum Zeitpunkt, wo er so etwas proklamiert, noch nicht weiss, ob seine Gedanken später auch experimentell bestätigt werden bzw. Aufnahme in die Theorie finden. Das kann man ja erst im Nachhinein wissen.“ [Anmerkung 13: H. Pietschmann in R. Schlögl (1988): „Aussenseiter der Wissenschaft“, Radiokolleg]

Das bedeutet auch, dass jede Neuerung überdies grossen persönlichen Einsatz und Mut erfordert: Mut, sich gegen die Strömung zu stellen oder gar gegen sie zu schwimmen. Auf diesen Punkt werde ich innerhalb dieses Kapitels noch genauer eingehen. Es fragt sich auch, „wie stark“ die Rolle des Aussenseiters sein muss; in bestimmtem Grad ist sie sicherlich notwendig, wenn sich der Neuerer mit seinen Ideen durchsetzen will. H. Pietschmann: „Manchmal ist sozusagen die Gemeinschaft der Physiker besonders festgefahren und hält sehr gerne an den Traditionen fest,… dann kann die Neuerung nur durch einen „echten“ Aussenseiter kommen; von jemandem, der überhaupt ausserhalb dieser Gemeinschaft steht… ich möchte als Beispiel Albert Einstein nennen, der ja auch zunächst ausserhalb der Gemeinschaft der Physiker gestanden ist, dann allerdings wegen seiner Leistungen in diese Gemeinschaft integriert wurde.“ [Anmerkung 14: H. Pietschmann in R. Schlögl (1988): „Aussenseiter der Wissenschaft“, Radiokolleg]

An dieser Stelle wäre auch auf den Umstand hinzuweisen, der später bezüglich der unterschiedlichen Bewertung von „historischen“ und „gegenwärtigen“ Aussenseitern bedeutungsvoll wird, dass nämlich nur jene Aussenseiter berühmt wurden, die mit ihren Ideen recht behalten haben; jene, die unrecht gehabt haben, wurden vergessen. Letztere können also trivialerweise in diese Betrachtung gar nicht miteinbezogen werden. Die Mehrzahl jener Aussenseiter, die einen Irrweg beschritten hatten, wurden vergessen. Dazu wieder H. Pietschmann: „Ich würde sogar sagen, dass die Mehrzahl der Aussenseiter unrecht hat… und dass nur die wenigen, die recht haben, integriert und bekannt werden und dann in der Wissenschaftsgeschichte als berühmte Aussenseiter dargestellt werden… es handelt sich dann eben immer um die ganz grossen Namen, wie Faraday, Chladni, Einstein….“ [Anmerkung 15: H. Pietschmann in R. Schlögl (1988): „Aussenseiter der Wissenschaft“, Radiokolleg]

In dieser Arbeit werden viele Beispiele für jene Aussenseiter, die sich zweifellos positiv auf die Entwicklung der Naturwissenschaften ausgewirkt haben, ausgeführt; es liessen sich jedoch auch viele Beispiele für jene Gruppe von Aussenseitern anführen, die die Entwicklung der Wissenschaft eher gestört haben. Dies würde aber den Rahmen dieser Arbeit sprengen. Es gibt jedenfalls beide Varianten.
Wichtig erscheint mir auch, schon hier zu bemerken, dass das Thema „Aussenseiter der Wissenschaft“ sozusagen nur den Schatten des allgemeinen Aussenseiterproblems darstellt. Es gibt also meiner Auffassung nach einen intensiven Zusammenhang zwischen der Frage, wie Aussenseiter der Gesellschaft (aus welchen Gründen sie dies auch sein mögen) von dieser behandelt werden und jener Frage, wie „Aussenseiter der Wissenschaft“ von der etablierten Wissenschaft (im Sinne von „scientific Community“) beurteilt und behandelt werden. Mit diesem Themenkreis werde ich mich im 4. Kapitel eingehender auseinandersetzen.

(Zitatende, Fortsetzung folgt)
Beste Grüße Ekkehard Friebe

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