04 – Dr. Reinhard Schlögl: „Aussenseiter der Naturwissenschaft“

Es folgt jetzt in dieser Fortsetzungsreihe der  Abschnitt 4  der Dissertation von Dr. Reinhard Schlögl

Zitat:

Kapitel 1: EINLEITUNG

Das Schicksal eines Grossen der wissenschaftlichen Welt, der es nicht leicht hatte, sich in ihr zurechtzufinden… mahnt zur Aufgeschlossenheit und Hilfsbereitschaft den neben uns strebend sich bemühenden Mitmenschen gegenüber.“ W. Schütz über Julius Robert Mayer [Anmerkung 1: W. Schütz (1972): „Robert Mayer“, S.9]

Aussenseiter der Wissenschaft spielen meiner Meinung nach eine ganz wichtige Rolle – sie versuchen zu kritisieren, wo der Wissenschaftsbetrieb vielleicht betriebsblind geworden ist; sie versuchen aufzuzeigen, wo die Physik oder eine andere Wissenschaft möglicherweise einen Irrweg gegangen ist und sie tun es meist in einer s ehr. selbstlosen Weise. Wenn jemand etwas revidieren möchte, so muss er sich natürlich immer wieder von den alten Ideen der Wissenschaft etwas abseparieren können.“ Roman Sexl [Anmerkung 2: R. Sexl in R. Schlögl (1988): „Aussenseiter der Wissenschaft – Phantasten oder Wegbereiter neuen Denkens?“, Radiokolleg]

1.1 Aussenseiter gegen ,Betriebsblindheit“ der Wissenschaft?

Bevor ich näher auf die Klärung des Begriffes „Aussenseiter der Wissenschaft“ eingehe, will ich zunächst festhalten, dass der theoretische Physiker R. Sexl mit dieser Aussage (zumindest bei vordergründiger Betrachtung) eine generelle Bewertung des „Aussenseiters“ in positivem Sinn vornimmt. Er tut dies hier entgegen vielen anderen Auffassungen, denn sehr oft ist der Begriff „Aussenseiter“ mit negativer Wertung verbunden, wobei die Skala vom „out-sein“ bis zum „Verrücktsein“ reicht.

Tatsache ist, dass es häufig Aussenseiter waren, die maßgeblich in den Gang der Wissenschaft eingegriffen haben. „Das Aussenseitertum gehört notwendigerweise zur Entwicklung der Physik…“, äusserte zum Beispiel H. Pietschmann. Es handelt sich dabei um die verschiedenartigsten Typen von Aussenseitern, wie zu zeigen sein wird; und es wird sich herausstellen, dass wir es beim Aussenseiterbegriff in Wahrheit mit einem Kontinuum zu tun haben.  

1.2 Niemand will Aussenseiter sein Jeder will Aussenseiter sein

Kaum ein anderer Begriff ist so vieldeutig und lässt so viele Interpretationen zu, wie gerade der Begriff des Aussenseiters. Da „Aussenseiter“ einerseits bedeutet: „ausserhalb stehen“ bzw. „out sein“, sieht es wohl kaum jemand als besonderes Kompliment an, wenn man ihn als Aussenseiter bezeichnet; anderseits jedoch hat der Begriff „Aus­senseiter“ auch eine ausserordentlich positive Bedeutung im Sinne von „exceptionell“. Wer will nicht zum Kreise jener aussergewöhnlichen, berühmten Aussenseiter zählen, die die Wissenschaft auf Grund ihres mutigen Aussenseitertums wesentlich vorange­bracht haben; ich denke dabei zum Beispiel an Joseph Loschmidt, der auf dem Gebiet der Chemie zweifellos als Aussenseiter gelten kann. [Anmerkung 3: Im 2. Kapitel dieser Arbeit bin ich ausführlich auf die Person Joseph Loschmidt und sein Aussenseitertum auf dem Gebiet der Chemie eingegangen] Der Begriff „Aussenseiter der Wis­senschaft“ pendelt gewissermassen zwischen den beiden Extremen des „Geniehaften“ und des „bloss Verrückten“. Anderseits zeigt sich gelegentlich auch, wie nahe Genie und Wahnsinn benachbart sein können.

Will ein Wissenschafter nicht zu jenen vielen unauffälligen, „braven“ Vertretern seines Faches zählen, also zu jenen „Normalwissenschaftern“, die zwar für die Auf­rechterhaltung des „Betriebes Wissenschaft“ unbedingt notwendig sind, die aber meist nur kumulativ im Rahmen eines vorgegebenen Schemas tätig sind, dann gibt es für ihn zum Beispiel folgende Form der „Bewältigungsstrategie“: Er wird zwar Aussenseiter, jedoch nur zu einem Teil seiner Persönlichkeit. Der „Normalitätsanteil“ ist dann so­zusagen seine Rückversicherung für die Lebenspraxis, um im wissenschaftlichen Alltag Anerkennung zu finden und dort überleben zu können. Den Mut zu konsequentem, totalem Ausstieg haben nur wenige. Wer jedoch nur in einem Teilbereich scheitert, bzw. mit seinen Ideen nicht ankommt, der geht noch nicht unter. Newton in seiner Eigenschaft als „Alchemist“ ist hier ein Beispiel; [Anmerkung 4: Siehe 2. Kapitel] aber auch der Vertreter der „Theorie der Mono-Pole“, Felix Ehrenhaft [Anmerkung 5: Siehe 2. Kapitel]. Überspitzt formuliert: Wer zunächst einmal etabliert ist, kann es sich sozusagen leisten, gelegentlich auch ein bisschen „verrückt“ zu sein, bzw. sich mit Unkonventionellem zu beschäftigen. Erst der, der sich bereits im Rahmen konventioneller Wissenschaft bewährt hat, der also die „Kontrollbarrieren“ der Wissenschaft bewältigt hat, hat sich damit auch so etwas wie einen „Freibrief für die eine oder andere „Spinnerei“, also ein gewisses Maß an „Narrenfreiheit“ erworben. Der Biologe Rupert Riedl äusserte dazu:

„Hat aber jemand die Kontrollbarrieren des Systems Wissenschaft nicht bewältigt, so hat er sich auch dieses Recht nicht erworben; man gesteht ihm also seitens der eta­blierten Wissenschaft nicht die Freiheit zum ‚Narr-sein‘ zu. Das bedeutet: Der eine darf, der andere darf nicht. Genauer: der andere, der ‚totale‘ Aussenseiter, wird  –  auch dann, wenn er gegebenenfalls eine grossartige Theorie verträte  –  gar nicht erst angehört.“ [Anmerkung 6: R. Riedl in R. Schlögl (1988): „Aussenseiter der Wissenschaft“, Radiokolleg] Ohne Eintrittskarte kein Eintritt! Das System Wissenschaft besitzt eine Art „Schutzmechanismus“, der es vor dem Eindringen jeglicher ‚Narretei‘ schützt und ohne den es gar nicht existieren könnte. [Anmerkung7: Auf die Kontrollbarrieren des Systems Wissenschaft ist im 4. Kapitel näher eingegangen worden] G. Schwarz meint: „…Wenn ich das… subjektiv sehe… ich möchte nicht ganz ‚rausfliegen’… ich möchte aber auch nicht ganz drinnen sein.“ [Anmerkung 8: G. Schwarz in R. Schlögl (1988): „Aussenseiter der Wissenschaft“, Radiokolleg]

(Zitatende, Fortsetzung folgt)
Beste Grüße Ekkehard Friebe

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