Materialistische Dialektik und bürgerliche Naturwissenschaft 1987
Von Willi Dickhut
Beitrag aus dem GOM-Projekt: 2394 weitere kritische Veröffentlichungen
zur Ergänzung der Dokumentation Textversion 1.2 – 2004, Kapitel 4.
Materialistische Dialektik und bürgerliche Naturwissenschaft
Essen: Verl. Neuer Weg 1987. 356 S.
Kritisiert vom Standpunkt der marxistisch-leninistischen Erkenntnistheorie die Relativistik als "bürgerliche Naturwissenschaft" und "idealistische" Position. Akzeptiert das behauptete Negativ-Ergebnis des MMV (S. 113-114), spricht allerdings nicht von einem "Null-Ergebnis"; bestreitet jedoch die von Albert Einstein daraus gezogenen Schlußfolgerungen (S. 114-115):
"Die Fitzgerald-Lorentz-Kontraktion, wie die Verkürzung genannt wurde, will den mißlungenen Versuch Michelsons erklären. […] Diese Verkürzung kann man freilich nie feststellen, denn alle Körper, auch Maßstäbe, unser Arm, ja selbst das Auge, erleiden dieselbe Verkürzung, und das Zeitmaß wird verlängert.
Kann man sich eine Verkürzung der Körper immerhin noch vorstellen, so ist es doch unwahrscheinlich, daß die Verkürzung für alle Körper, ganz gleich, welche physikalischen Eigenschaften sie besitzen, dieselben Werte haben soll. Ganz und gar unerklärlich aber ist, daß der Äther auch das Zeitmaß beeinflussen soll, obgleich zwei Amerikaner diese Beeinflussung experimentell nachgewiesen haben sollen (was wohl auf einen Irrtum zurückzuführen ist)."
An der behaupteten absoluten C-Konstanz und der daraus gefolgerten Relativität von Raum und Zeit mit der Konstruktion von Minkowskis vierdimensionaler Welt kritisiert er die Undenkbarkeit und Nichtübereinstimmung mit der Erfahrung sowie die nichts beweisende Gleichnis-Methode, die von den Relativisten bemüht wird (S. 117): "Eine solche Raum-Zeit-Welt können wir uns freilich nicht vorstellen. Wollen wir etwas anschaulich machen, begrifflich nahe bringen, so arbeiten wir mit zwei, drei Dimensionen. Wir sind dreidimensionale Wesen und denken in drei Dimensionen.
Eine vierdimensionale Welt ist undenkbar. Wenn man sich eine solche Welt auch nicht vorstellen kann, so ist es doch wahrscheinlich, daß sie existiert, sagen die Relativisten, denn ‚die Welt ist nach Raum und Masse zwar unbegrenzt, aber nicht unendlich groß‘. Unbegrenzt und doch endlich? Um das begreiflich zu machen,
das heißt, um eine an sich unvorstellbare Sache dem Verständnis nahe zu bringen, gebrauchen die Relativisten ein Gleichnis, das trotz seiner Anschaulichkeit ebenso hinkt wie alle Gleichnisse. Nehmen wir an, unsere Erde sei mit winzigen, völlig platten Käfern bevölkert, die weder ein Oben noch Unten, Außen noch Innen kennen. Es sind zweidimensionale Wesen, denen eine dritte Dimension vollständig fremd, unvorstellbar ist." Referiert nun die bekannte Gleichnis-Argumentation der Relativisten.
Verweist auf den Widerspruch zwischen der behaupteten Raumkrümmung, die angeblich zur Folge haben soll, daß ein Lichtstrahl im endlichen Kosmos gekrümmt an seinen Ausgangspunkt zurückkehren soll, und der behaupteten Galaxienflucht in alle Richtungen (S. 119):
"So umläuft also der Lichtstrahl, entsprechend der Relativitätstheorie, innerhalb von sechs Milliarden Jahren einmal das All. Die Spiralnebel befinden sich auf der Flucht, sie rasen mit unvorstellbarer Geschwindigkeit.
Ringsum streben sie nach außen und je ferner, umso schneller. Wie ist das möglich, da doch der Raum nach Einstein geschlossen ist, gekrümmt wie eine gewaltige Überkugel, die endlich ist und deren Größe man berechnet hat. Nun, sagen die Relativisten, die Spiralnebel jagen nicht durch den Raum, der Raum selbst jagt mit, er dehnt sich aus."
Zitiert in Kapitel III, 3 "Raum und Zeit" (S. 281 – 292) zur Unterstützung seiner Kritik wiederholt den kritischen "bürgerlichen Physiker" E. May, und liefert ein Zitat von J. Jeans als eindruckvolles Dokument eines verwirrten Geistes: "Einsteins gekrümmter Raum ist eine spekulative Hypothese, die die verwirrten Gemüter der bürgerlichen Welt noch verwirrter gemacht hat. So erklärt beispielsweise Sir J. Jeans: ‚Es mag sein, daß das Raum-Zeit-Kontinuum sich als ein wirkliches, substantielles Eiland erweist, das in etwas schwimmt, das nicht Raum und Zeit ist …‘."
— Der Autor lässt sich von den zwei Relativitätstheorien nicht zwei Welten aufschwatzen, für jede Theorie eine andere (als ob wir die Wahl hätten), sondern besteht auf der einen Wirklichkeit der Erfahrung, so daß er die angebliche "flache" vierdimensionale Minkowski-Welt zugleich mit der angeblich gekrümmten Käfer-Gleichnis-Welt als nicht real und nicht denkbar und schon gar nicht als Erklärung der einen für die andere dienend zurückweisen kann. – Der marxistisch-leninistische Autor profitiert von der westlichen Publikationsfreiheit und kann die Relativitätstheorien nach Belieben kritisieren, was seit ca. 1960 im kommunistischen Ostblock keineswegs mehr üblich war. Seine Lenin-Zitate sind auch für "bürgerliche" Leser interessante Texte. Mit dem Höhepunkt der Verwirrung bei Jeans hat der Autor den Kritikern eine Trouvaille serviert.
- 8. August 2012
- Projekt G.O. Mueller
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