59- Dr. Reinhard Schlögl: „Aussenseiter der Naturwissenschaft“

Es folgt jetzt in dieser Fortsetzungsreihe der  Abschnitt 59  der Dissertation von Dr. Reinhard Schlögl

Kapitel 3: GEGENWART, Barths Unterabschnitt: 3.8.2.9 „Das Eine und das Werden- Die Dialektik der Alten Griechen"
Zitat:
Nun zu der, wie erwähnt, viel später, im Jahr 1990 verfassten Schrift „Platon 2": „22 Jahre nach Fertigstellung von „Das Eine und das Werden" begann sich Barth im Jahr 1989 wieder intensiv mit dem Thema auseinanderzusetzen… „Zunächst war da die völlig unbefriedigende Vorstellung, dass Platon die so diffizilen Dialoge geschrieben hatte, ohne ihre Ergebnisse zu akzeptieren… ich hatte… festgestellt, dass Platon die Schrift des Parmenides völlig verwirrt habe…“ [Anmerkung 401: G. Barth: „Platon 2“, S.98] und Barth kommt zu dem Schluss, dass Platon im Dialog „Parmenides" den jungen Sokrates, seine, Platons eigene Ide­enlehre verteidigen lässt; „Die Kritik und Widerlegung dieser absoluten Lehre aber überlässt er „dem einen Parmenides", 4nach dem Homeros ehrenwert und zugleich furchtbar‘. In grandioser Weise widerlegt Platon sich selbst. Nur Platon, kein anderer konnte diese in grenzenlose Tiefe gehenden Dialoge schreiben.“ [Anmerkung 402: G. Barth: „Platon 2“, S.99].
 
„Immer klarer sehe ich, …wie er (Platon) von einer kurzschlüssigen zweiwertigen Logik weggeht zu einem umfassenden, in die Tiefe gehenden Denken. Das eben logisch Erschlossene wird immer von neuem geprüft, ob es weiterem Denken standhält.“ [Anmerkung 403: G. Barth: „Platon 2“, S. 100]. Als Motiv für das Vorge­hen Platons nimmt Barth an: „Platon konnte seine Dialektik bei seinen Zeitgenossen nicht durchsetzen; und er wollte dies schliesslich auch nicht mehr. Er resignierte“ [Anmerkung 404: G. Barth: „Platon 2“, S. 102]. Barth spricht nun, in dieser Neubewertung der platonischen Gedanken, plötzlich mit Bewunderung von diesem Philosophen, den er Jahrzehnte vorher (vielleicht weil er ihn missverstanden hatte) eher gering geschätzt hatte. Er meint allerdings, wenn er nun -begeistert – von Platons Dialektik spricht „und vom Sein des Nichtseienden und von der Relativität als Wirklichem, …dann komme ich wieder in eine extreme Aussenseiterpo­sition… Ich komme von der Natur her, im besonderen von der Physik. Für mich ist die Aufgabe der Philosophie, die Wirklichkeit in ihrem Ganzen, in allen Zusammenhängen zu fassen. Dieses Streben finde ich in Platons späten Dialogen in umfassender Weise und in aller Tiefe ausgeführt. Diese Form der Untersuchung bezeichnet Platon als dialektisch. [Anmerkung 405: G. Barth: „Platon 2“, S. 108].

Barth vertritt also die Überzeugung dass, sich der „späte" Platon, der sein Den­ken mehr und mehr der widersprüchlichen Mannigfaltigkeit der Wirklichkeit anpasste, weit vom „frühen" Platon entfernt hatte, welcher noch die zweiwertige Logik vertreten hatte. Barth selbst zu dieser Interpretation: „Meine Vorstellungen vom geistigen Ent­wicklungsgang Platons liegen weit ab von allem, was über Platon geschrieben wurde… auf Zustimmung bei den Professoren kann ich nicht hoffen.“ [Anmerkung 406: G. Barth: „Platon 2“, S. 111]. Barth ist also gegenüber seiner früheren Auffassung zu einem geradezu diametral entgegengesetzten Platonbild gelangt: Den jungen Platon hält er für „einen arroganten Aristokraten, der sich im Besitz absoluter Wahrheit" wähnte. [Anmerkung 407: G. Barth: „Platon 2“, S 114]. Für Platons späte Dialoge ist es wesentlich, dass er mit dem a-logischen Ineinssein der Gegensätze des Herakleitos in Berührung gekommen war: „In denselben Fluss steigen wir und steigen wir nicht" …wenn auch nur in der ahnenden, nichtrationalen Weise des Herakleitos [Anmerkung 408: G. Barth: „Platon 2“, S. 115]. „Ich möchte meinen, auch Aristoteles hielt den alten Platon für einen Spinner…“ [Anmerkung 409: G. Barth: „Platon 2“, S. 119]. …„Am Ende seines Lebens lebte er als Melancholiker, wie Aristoteles sagt, allein und zurückgezogen.“ [Anmerkung 410: G. Barth: „Platon 2“, S. 120].

Barth meint, dass die Erkenntnis Platons, dass es für den Menschen nichts Absolutes geben kann, eine grandiose Erkenntnis sei, speziell für den Idealisten Platon. „Platon geht auch den letzten Schritt: „absolut ist nicht einmal denkbar…eine sinnleere Konstruk­tion. Wirklich sein heisst, in wirklich-wirkender Beziehung zu einem anderen wirklich Wirkenden zu sein.“ [Anmerkung 411: G. Barth: „Platon 2“, S. 122]. „Gerade für die Krise der modernen Physik fand hier Platon …eine tiefe Einsicht in die Wirklichkeit der Natur, in die Wechselwirkung der Ener­gien zwischen physikalisch wirklichen-wirkenden Körpern… Seine späten dialektischen Untersuchungen, den Übergang vom An-und-für-sich-Sein zum Für-einander-Sein… konnte niemand akzeptieren…“ [Anmerkung 412: G. Barth: „Platon 2“, S. 123].

Barth bedauert, dass dieser Teil des platonischen Werkes bis heute ohne Einfluss auf die Physik geblieben ist. „Die Physiker nahmen… je­des Ding fein säuberlich für sich (Hippias), aus allen Beziehungen mit der übrigen Welt losgelöst, abgegrenzt, „definiert". Dann mussten die Astronomen und Physiker das von ihnen in Gedanken Getrennte in Gedanken wieder verbinden mit erdachten Kügelchen und Strahlen. Eine völlig überflüssige Aufgabe, denn die Natur hat alles mit allem verbunden… in ständiger Wechselwirkung; in Wirken und Erleiden, wie Platon sagt, …so müssen wir nur die bestehenden Beziehungen, die …Relationen… beobachten und messen… Die unendlich vielfältigen Beziehungen zwischen wirklichen physikalischen Körpern haben wir zu untersuchen.“ [Anmerkung 413: G. Barth: „Platon 2“, S. 124; vgl. auch G. Barth: „Licht aus den Atomen"]. Barth wundert sich darüber, dass auch bei Aristoteles kein Hinweis auf Platons späte Dialektik zu finden ist. „…offensichtlich hat Platon seine späten Dialoge in seiner eigenen Akademie nicht vorgetragen und auch mit Aristoteles nicht darüber gesprochen.“ [Anmerkung 414: G. Barth: „Platon 2", S.128].

Barth ist heute der Ansicht, dass Platon seiner Zeit um Jahrtausende voraus war… Besonders für die christlichen Philosophen musste Platons dialektischer Relationismus ein Greuel gewesen sein…,, mit dem kritischen, sich selbst ständig in Frage stellen­den alten Platon konnten die Professoren nichts anfangen. Wer lehrt, will und muss sicheres Wissen, nicht Zweifel, dialektisch unbestimmte Meinungen und Aporien wiedergeben.“ [Anmerkung 415: G. Barth: „Platon 2", S. 134].

(Zitatende, Fortsetzung folgt).

Beste Grüße Ekkehard Friebe 

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