22- Dr. Reinhard Schlögl: „Aussenseiter der Naturwissenschaft“

Es folgt jetzt in dieser Fortsetzungsreihe der  Abschnitt 22  der Dissertation von Dr. Reinhard Schlögl

Kapitel 3: GEGENWART, Unterabschnitt: 3.3.2.2 Dr. Wolfgang Schmidt (Fortsetzung):

Zitat:
Im Gegensatz dazu schrieb Werner Heisenberg in einem Brief an Prof. Parade: „Ich weiss mit den Gedankengängen von Herrn Schmidt nichts anzufangen.“ 
Schmidt stellt die grundsätzliche Frage, wie es dazu kommt, dass die moderne Physik sowohl Finalität als auch Kausalität für suspekt hält und die Evolution zu höheren Sy­stemen für ein Spiel des Zufalls ansieht. [Anmerkung 39: W. Schmidt (1978): „Pro Kausalität und Finalität“, S. 3
In der Natur seien nur irreversible Vorgänge zu beobachten, bei denen Ursache und Wirkung eine zeitlich nicht umkehrbare Aufein­anderfolge zeigen. Schmidt weist darauf hin, dass jedoch die allgemeinen Naturgesetze der Gravitation sowie der elektrischen und magnetischen Kräfte nur reversible Vorgänge beschreiben, bei denen es überhaupt keine zeitliche Aufeinanderfolge von actio und reactio gibt. Schmidt zeigt sodann die historischen Ursachen dieser Diskrepanz auf und bringt einige Beispiele des Gerichtetseins aus der Biologie – etwa den Anfang und das Ende des Stoffwechsels. Später leitet Schmidt Kausalität und Finalität aus den Kraftge­setzen ab, wobei er die „Fernwirkung“, die den Faktor Zeit zu berücksichtigen hat, als Schlüsselbegriff verwendet. Schmidt argumentiert in ähnlicher Weise wie G. Barth. [Anmerkung 40: Siehe „Fallstudie Barth“]

„Alle Eigenschaften, die wir… einem einzelnen Objekt zuordnen, sind die‘ energeti­schen Wechselbeziehungen von vielen Objekten untereinander und zwar über relativ grosse Entfernungen. Ein einzelnes Elektron hat überhaupt keine Eigenschaften, nur zwei Elektronen beschleunigen einander. Eine Masse hat nur Schwere in Bezug zu an­deren Massen, die Lebenseigenschaften einer Zelle oder eines Lebewesens sind seine Wirkungskommunikation mit seiner Umwelt. All diese Wechselwirkungen sind Fern­wirkungen und brauchen eine Übertragungszeit. Und wenn sich während dieser Zeit durch die vorangegangenen Wirkungen etwas an den Beziehungen verändert hat, dann ändern die veränderten Beziehungen (Abstände, Geschwindigkeiten, Schwingun­gen oder anderes) ihrerseits die Wirkung. Und das ist immer der Fall, solange die Fernwirkung diese Beziehungen noch ändern kann.

Dieses sich ständig an die zwischen­zeitlich sich verändernden Beziehungen anpassende Wechselspiel von actio und reactio bewirkt eine irreversible Evolution von einem ungeordneten, instabilen Vorgang, bei dem die veränderlichen Beziehungen noch eine starke Rückkopplungswirkung haben, zu einem stabileren geordneten Vorgang, bei dem die veränderlichen Anteile der Wechsel­beziehungen geringer geworden sind… Dieses Regelprinzip in der Natur, diese langsame Einstellung auf ein optimales System von Vorgängen, haben die Techniker der Natur abgelauscht und die vergleichbaren Regel- und Steuerungssysteme durch negative Rückkopplung für die Automation komplizierter Prozesse verwendet.“ [Anmerkung 41: W. Schmidt (1978): „Pro Kausalität und Finalität“, S. 4]

Demnach ist für Schmidt die Vergangenheit für die Zukunft nur noch von geringer Bedeutung; die Vergangenheit verliert also nach und nach an Bedeutung – ebenso gewinnt das er­reichbare Ziel stetig an Einfluss. Kausalität und Finalität sind für ihn komplementäre Begriffe. Schmidt betont, dass sein Begriff der Finalität nicht mit dem Begriff des Determinismus – etwa dem des Descartes – verwechselt werden dürfe [Anmerkung 42: W. Schmidt (1978): „Pro Kausalität und Finalität“, S. 7
Eine andere für Schmidt kennzeichnende Schrift ist: „Kritische Analyse von Ein­steins Ableitung der Lorentztransformation“, DPG-Tagung (Didaktik), Giessen, 1978, in: „Pro Kausalität und Finalität“ [Anmerkung 43: W. Schmidt (1978): „Pro Kausalität und Finalität“, S. 7]

„Vertrauen ist edel, prüfen aber ist nützlicher.   Einsteins Relativitätstheorie beruht auf seiner Deutung der Lorentztransformation; und diese beruht auf seiner Ableitung, die seit 1916 in „Über die spezielle und allgemeine Relativitätstheorie“… veröffent­licht ist. In dieser so grundlegenden Ableitung befinden sich triviale Fehler, die sich ein Oberschüler nicht leisten darf… Einstein unterschied nicht genau zwischen Varia­blen und Konstanten und tauschte sie beliebig aus. Auf diese Weise mogelte er sich sein gewünschtes Ergebnis von der 4.Dimension der Zeit und den invarianten Weltlinien zusammen, das die Welt wegen ihrer mystischen Sensation in Erstaunen versetzte… Völlig richtig waren nur seine Voraussetzungen, dass es keinen Äther gibt und dass c eine Konstante ist. Aus diesen Voraussetzungen hätte er bei richtiger Berechnung zu einem viel besseren Ergebnis gelangen können, ohne mit der Kausalität zu brechen.“ Schmidt weist nun an Hand eines Beispiels einen „trivialen mathematischen Fehler“ nach, wobei es um oben angedeutete Verwechslung von Variabler und Konstanter geht: „Genau dieser Art von Fehlern ist Einstein  –  oder war es seine erste Frau Mileva?  –  zum Opfer gefallen. Wann mag er dies wohl bemerkt haben? Sicher erst, als es bereits zu spät war. Wen wundert es, dass Einstein seinen Nobelpreis aus „Zeitgründen“ nicht selbst in Empfang nahm und den Preis, als er ihm zugestellt wurde, sofort seiner ersten Frau Mileva überbrachte… Eines steht jedenfalls fest: Einstein stritt sein Leben lang entschieden für den Glauben an die Kausalität, obwohl seine Theorie diese absolut ausschloss.“ „Die Zeit ist nicht relativ, wenn c eine absolute Konstante ist!“ [Anmerkung 44: Aufsatz von W. Schmidt anlässlich der „41.Physikertagung“, 1977, veröffentlicht in „Pro Kausalität und Finalität“, S.19]

„Für den Erkenntnistheoretiker sollte es eigentlich klar sein, dass in der Aussage über die Kon­stanz der Lichtgeschwindigkeit die absolute Gleichzeitigkeit bereits als Voraussetzung enthalten ist.“ Mit dieser massiven Kritik beginnt Schmidt seine Analyse Einstein­scher Gedankengänge, die Relativität der Zeit betreffend. Er stellt fest, dass Einstein jedoch gerade aus der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit folgert, dass der Ablauf der Zeit bei einem Objekt von der relativen Geschwindigkeit zu einem gedachten Koordi­natensystem abhängt, und dass die Zeit relativ ist… Da dieser Gedanke Einsteins nach Schmidt in Widerspruch zu seinen Voraussetzungen  –  c sei eine absolute Konstante und es gäbe im leeren Rum keinen Äther oder kein Medium  –  zu stehen scheint, „wollen wir beweisen, dass sich aus seinen Voraussetzungen herleiten lässt, dass die Zeit nicht relativ ist. Der Leser möge überprüfen, ob der Beweis transparent und zwingend ist.“ [Anmerkung 45: Aufsatz von W. Schmidt anlässlich der „41.Physikertagung“, 1977, veröffentlicht in „Pro Kausalität und Finalität“, S.19]

(Zitatende, Fortsetzung folgt)
Beste Grüße Ekkehard Friebe

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