09 – Dr. Reinhard Schlögl: „Aussenseiter der Naturwissenschaft“
Es folgt jetzt in dieser Fortsetzungsreihe der Abschnitt 9 der Dissertation von Dr. Reinhard Schlögl.
Kapitel 1: EINLEITUNG (Fortsetzung), Zitat:
1.8 Der Aussenseiter im Rahmen der Gesellschaft
R. Riedl vertritt die Ansicht: „Ein Aussenseiter wird durch seine Gesellschaft zum Aussenseiter. Sein Milieu macht ihn dazu. Wenn jemand eine Entdeckung macht, die beweisen soll, dass das bisherige Paradigma verändert werden muss, dann kann dieser Entdecker ja gar nicht von seiner wissenschaftlichen Gesellschaft, in der er sich befindet, als Entdecker gefeiert werden, sonst wäre „es“ ja den anderen auch schon aufgefallen; sondern er wird behandelt, wie jener schlechte Tischler, der den missglückten Tisch, den er gemacht hat, auf schlechtes Werkzeug zurückführt. Ihm wird gesagt: Wenn Sie uns er Paradigma verwendet hätten, dann wären Sie gar nicht erst in Schwierigkeiten gekommen. Sie verwenden offenbar ein anderes Paradigma (ein anderes Werkzeug)… kein Wunder, dass der Tisch, den Sie fabriziert haben, in unser Muster nicht hineinpasst! Das ist Soziologie der Wissenschaft. Das heisst, es gibt den Bund der Wissenschaftler, der festlegt, was Wissenschaft und Wissenschaftlichkeit ist und was nicht.“ [Anmerkung 28: R. Riedl in R. Schlögl (1988): „Aussenseiter der Wissenschaft“, Radiokolleg]
1.8.1 Der Aussenseiter repräsentiert Fremdartiges. Die Reaktion der Gesellschaft, auf ihre Aussenseiter. Ein Exkurs in die Ethologie
I. Eibl-Eibesfeldt schreibt: „Dass gerade bei geselligen Tieren der fremde Artgenosse Flucht oder Angriff auslöst, also das agonische Verhalten aktiviert, ist ein nahezu durchgehendes Prinzip im Tierreich. Dieses Verhalten bewirkt eine zwar nicht absolute, aber doch eine ziemliche Geschlossenheit der Gruppe… Auch wir Menschen entwickeln bereits sehr früh Fremdenfurcht, ohne dass es dazu schiechter Erfahrungen mit Fremden bedarf… Eine wenig untersuchte, aber überaus bemerkenswerte Form der Aggression ist die Ausstoßreaktion, die sich nicht gegen gruppenfremde Tiere, sondern ausschliesslich gegen Gruppenmitglieder richtet.“ [Anmerkung 29: I. Eibl-Eibesfeldt (1967): „Grundriß der Vergleichenden Verhaltensforschung“, Zürich, S.434]
Eibl-Eibesfeldt erwähnt sodann eine Arbeit von Th. Schelderup-Ebbe, der 1923 entdeckte, dass Hühner Gruppenmitglieder heftig angreifen und unter Umständen sogar töten, wenn sie von der Norm abweichen, sei es durch Schwäche oder körperliches Gebrechen. Er konnte die Reaktion dadurch künstlich auslösen, dass er zum Beispiel den Kamm eines Huhns mit einem Farbfleck markierte. [Anmerkung 30: Vgl. I. Eibl-Eibesfeldt, ib S.435]
Ch. Kearton beschreibt 1935, wie derlei abweichend gefärbte Pinguine ständig von ihresgleichen angegriffen wurden. Junge Silbermöven attackierten eines ihrer Geschwister, das einen verklebten After hatte. [Anmerkung 31: Vgl. I. Eibl-Eibesfeldt, ib]
J. van Lawick-Goodall beobachtete 1971, dass Schimpansen ihre durch Kinderlähmung im Verhalten veränderten Gruppenmitglieder fürchteten, sie verliessen und gelegentlich sogar angriffen. Eibl-Eibesfeldt beschreibt die Situation so:
„Die vorher voll in die Gruppe integrierten Männchen Pepe und McGregor lösten nunmehr auf Grund ihres veränderten Verhaltens, Aggressionen aus. Wenn Pepe sich seiner Gruppe näherte – er konnte nur mehr auf dem Gesäss rutschen und schleppte den Arm nach -, dann umarmten sich die anderen Schimpansen mit Angstgrinsen und starrten den Krüppel an, der selbst nicht wusste, dass er der Anlass ihrer Furcht war und ängstlich nach rückwärts über die Schulter blickte. Alle mieden ihn. McGregor, der noch schlimmer gelähmt war, löste durch seine Annäherung an die Gruppe Imponiergehabe und den Angriff der Männchen aus. Später gewöhnten sich die Gesunden an die Kranken, sie verweigerten ihnen jedoch weiter den Anschluss an die Gruppe.“ [Anmerkung 32: I. Eibl-Eibesfeldt, ib]
Auch in seinem Buch „Die Biologie des menschlichen Verhaltens“ verweist Eibl-Eibesfeldt auf jene bereits in seinem Buch „Grundriss der Verhaltensforschung“ geschilderten Beobachtungen von Schimpansen und deren Ausstossreaktionen bezüglich Aussenseitern. Eibl-Eibesfeldt schreibt dort: „Einige der Behinderten wurden… tätlich angegriffen, so der gelähmte McGregor, den Hugo von Lawick zuletzt schützen musste. Allmählich gewöhnte sich die Gruppe an die Kranken; sie gewährte ihnen aber keinen körperlichen Kontakt, was für die Abgelehnten… schwer zu ertragen war, denn Schimpansen lausen sich gegenseitig als Zeichen der Verbundenheit und bedürfen ganz offensichtlich dieser Kontakte.“ [Anmerkung 33: I. Eibl-Eibesfeldt (1984): „Biologie des menschlichen Verhaltens“, Zürich, S.415]
Menschen neigen ebenfalls dazu, von der Norm abweichende Gruppenmitglieder zu verstossen… In gemilderter Form beobachtet man dies auch in Schulklassen oder beim Militär. Ein Dicker, ein Schielender oder ein Mensch mit abweichenden Gewohnheiten wird häufig gehänselt, ausgelacht, und gelegentlich auch misshandelt. Diese Aggression gegen abweichende Gruppenmitglieder bewirkt nach Eibl-Eibesfeldt eine gewisse Homogenität der Gruppe, die unter gewissen Bedingungen von selektionistischem Vorteil ist. Es ist zum Beispiel wichtig, dass das Verhalten jedes Gruppenmitgliedes für die anderen Mitglieder der Gruppe voraussagbar ist. Dies kann durch „Gleichschaltung“ erreicht werden. Ausserdem verringern sich bei der Angleichung zwangsläufig soziale Spannungen. Eibl-Eibesfeldt schreibt:
„Von der Gruppennorm Abweichende werden zunächst einmal gehänselt und ausgelacht. Das Auslachen dürfte eine stammensgeschichtlich recht alte Form des Hassens sein… Das Auslachen macht den Ausgelachten auf sein Anstoss erregendes Verhalten aufmerksam und gibt ihm die Chance, sich der Norm anzugleichen, so dass er nicht mehr auffällt. Das Auslachen ist eine gemeinsame und damit verbindende Form des Drohens gegen den Ausgelachten.“ [Anmerkung 34: I Eibl-Eibesfeldt, ib S.410]
Beim Menschen kann das Hänseln (nach Eibl-Eibesfeldt) als leichte Form der Ausstossungsreaktion (als eine Art Erziehungsmechanismus) bewirken, dass sich der Aussenseiter der Gruppe angleicht, indem ihm auf diese Weise abweichende, „asoziale“ Gewohnheiten „abdressiert“ werden. Wo das nicht gelingt, kann es zu einer sehr heftigen Ausstossreaktion kommen. Die Aggression äussert sich dann viel stärker und grausamer als bei einer Auseinandersetzung mit Feinden, die man weniger kennt, vielleicht weil das gemeinsame, die Gruppenmitglieder auch mit dem Aussenseiter verbindende Band zerstört werden muss. Diese normerhaltende Funktion der Ausstossreaktion ist in der heutigen menschlichen Gesellschaft nicht durchwegs von selektionistischem Vorteil; sind doch gerade „Aussenseiter“ oft besonders hoch begabte und wertvolle Menschen.“ [Anmerkung 35: I. Eibl-Eibesfeldt, Grundriss der vergleichenden Verhaltensforschung, S.434f]
(Zitatende, Fortsetzung folgt)
Beste Grüße Ekkehard Friebe