08 – Dr. Reinhard Schlögl: „Aussenseiter der Naturwissenschaft“
Es folgt jetzt in dieser Fortsetzungsreihe der Abschnitt 8 der Dissertation von Dr. Reinhard Schlögl.
Kapitel 1: EINLEITUNG (Fortsetzung), Zitat:
1.5 „Outsider“ und „Insider“
Zwangsläufig ist es auf dem Gebiet der Mathematik, vor allem aber in der Philosophie schwieriger als in den vorwiegend experimentellen Wissenschaften, „Outsider“ von „Insidern“ zu unterscheiden. Viele Wissenschafter, vor allem jene, die grundlagentheoretisch orientiert sind, übersteigen permanent die Grenzen ihres Fachgebietes; denn: Grundlagenforschung ohne Erkenntnistheorie ist nicht möglich. R. Riedl meint dazu: „Jeder theoretische Grundlagenforscher, der etwas Neues geleistet hat, war zugleich immer auch Erkenntnistheoretiker. Er hat, wenn auch nicht systematisch, Erkenntnistheorie betrieben; er hat grundsätzliche, erkenntnistheoretische Aussagen formulieren müssen.“ [Anmerkung 24: E. Oeser in R. Schlögl (1988): „Aussenseiter der Wissenschaft“, Radiokolleg]
Wie steht es nun konkret um das Verhältnis zwischen „Outsidern“ und „Insidern“? Der Insider als Vertreter der „Normalwissenschaft“ ist ja dadurch zu charakterisieren, dass er seinem Fachgebiet treu und innerhalb der Grenzen dieses Gebietes bleibt.
Oft ist es allerdings der Fall, dass in der Entwicklung der Wissenschaft eine Form von „Mechanismus“ dergestalt auftritt, dass gerade aus oft ganz verschiedenen Wissensgebieten Informationen miteinander verkoppelt werden und dass es auf diese Weise zu neuen Entdeckungen kommt. Das bedeutet, dass man von einem „Normalwissenschafter, der stets innerhalb der Grenzen seines Wissensgebietes bleibt… und freilich im Rahmen dieses Wissensgebietes ein „wertvoller Arbeiter“ sein kann…, nur selten grosse Entdeckungen erhoffen kann.“ [Anmerkung 25: E. Oeser in R. Schlögl (1988): „Aussenseiter der Wissenschaft“, Radiokolleg]
1.6 Der Aussenseiter erscheint häufig als „unsympathisch“
Eine weitere Eigenschaft des Aussenseiters kann sein, dass er als „unsympathisch“ erscheint; dies eben dadurch, dass er etwas Fremdartiges repräsentiert. Der Effekt ist ähnlich wie der einer anderen Hautfarbe oder einer anderen Sprache. Für die Alten Griechen waren bekanntlich alle, die des Griechischen nicht mächtig waren, „barbaroi“, das heisst, man sah in ihnen lediglich „Lallende“, die man nicht verstehen konnte. Für den Sozialphilosophen G. Schwarz bedeutet das: „…wer abweichendes Verhalten an den Tag legt, stellt das allgemeine Selbstverständnis in Frage…
Mir erscheint der Aussenseiter deshalb für viele gefährlich, weil viele Menschen einen Grossteil jener Vorurteile, die sie übernommen haben, ungeprüft übernommen haben. Sie vertrauen dem consensus omnium… und müssen dies ja in den meisten Fällen auch tun…, dass dieses oder jenes schon stimmen wird. Wenn nun jemand kommt und sagt, all das, woran allgemein geglaubt wurde, stimmt nicht mehr, dann stürzt solch ein Aussenseiter seine Mitmenschen in unangenehme Gewissenskonflikte“ [Anmerkung 26: E. Oeser in R. Schlögl (1988): „Aussenseiter der Wissenschaft“, Radiokolleg]. Demnach erscheint also die Abwehr und Ablehnung von Aussenseitern als Form der Strategie zur Vermeidung unangenehmer Gewissenskonflikte bzw. als Möglichkeit der Konfliktlösung.
1.7 Zur Aggressivität mancher Aussenseiter
Robert Mayer sagte einmal:
„…man muss die Leute, die unrecht haben, direkt angreifen, ihnen ihre Widersprüche nachweisen, ihnen scharf zu Leibe gehen, ihnen keine Ruhe lassen. Solche Angriffe und tüchtige kritische Aufsätze erregen die Aufmerksamkeit viel mehr als das ruhige Hinstellen der eigenen Sätze [Anmerkung 27: Julius Robert Mayer, zit. nach W. Schütz (1972): „Robert Mayer“, S.61]. Diesen Ratschlag haben übrigens der zeitgenössische Aussenseiter Gotthard Barth, aber auch Stefan Marinov, die ja im 3. Kapitel dieser Arbeit ausführlich behandelt werden, gehörig beherzigt.
(Zitatende, Fortsetzung folgt)
Beste Grüße Ekkehard Friebe