Chronologie: „1908 – 1914 Erste Phase der Kritik“

Nachstehend bringe ich die 9. Fortsetzung der Chronologie zur Relativitätstheorie von G.O. Mueller 
(Kapitel 3 der Arbeit: “Über die absolute Größe der Speziellen Relativitätstheorie“). 
Sie finden diesen Beitrag ab Seite 218 unter: http://www.ekkehard-friebe.de/kap3.pdf 

Zitat:

1908 – 1914 Erste Phase der Kritik

Für diesen Zeitraum weist unsere Dokumentation 106 Veröffentlichungen nach. Es ist eine Zeit der offenen Diskussion, ohne sichtbare Emotionen, in ruhiger Rede und Gegenrede in den Fachorganen.

1908
Als erste melden sich Max Abraham, Tullio Levi-Civita, Gilbert N. Lewis und Walter Ritz kritisch zu Wort. Levi-Civita wird später in das Lager der Relativisten überwechseln und die Allgemeine Relativitätstheorie vertreten.

1909
Max Abraham, A. Bestelmeyer, Pierre Duhem, Paul Ehrenfest und Georg Hamel.

1910
Max Abraham, Otto Berg, Gustav Herglotz, Philipp Lenard, Hendrik Antoon Lorentz, Paul Natorp, Fritz Noether, Léon Schames.

Bemerkenswert ist vor allem Lorentz als früher und entschiedener Kritiker der Speziellen Relativitätstheorie: er kritisiert die Verleugnung des Äthers, die Behauptung realer Effekte der Kinematik, für die die Theorie die Asymmetrie und damit Realität in einem der Systeme nicht begründen kann. In seinen Göttinger Vorträgen 1910 wird er geradezu ironisch. Lorentz hat im Grunde 1910 schon Dingles Frage von 1960 zum Probestein für die Theorie gemacht – und schon damals keine Antwort erhalten. – Seine Vorträge in Göttingen wurden von dem jungen Max Born, einem überzeugten Anhänger der Speziellen Relativitätstheorie, protokolliert und zum Druck in der Physikalischen Zeitschrift redigiert.

1911
Von denen der vorangehenden Jahre melden sich nur Lenard und Ritz noch einmal zu Wort; die übrigen sind neu im Kreis der Kritiker:

C. Beckenhaupt, Guido Castelnuovo, Ernst Gehrcke, Aloys Müller, Alfred Arthur Robb, O. M. Stewart, Max Bernhard Weinstein, Johann Emil Wiechert.

Zum ersten Mal melden sich zwei Angelsachsen zu Wort.

Im Juni des Jahres hält Paul Bernays einen Vortrag „innerhalb der Fries‘schen Schule“ in Göttingen, der jedoch erst 1914 in den Abhandlungen der Fries‘schen Schule veröffentlicht wird. Die Veröffentlichung dieses sehr grundsätzlichen Vortrags wird nur selten überhaupt in Literaturlisten erwähnt und von den Relativisten nie diskutiert. – Max Born hat in seinen Erinnerungen (Mein Leben. 1975, S. 143-147) von seinem Verhältnis zur Fries‘schen Schule und ihrem Mentor Leonard Nelson berichtet.

1912-1914
In den weiteren drei Jahren bis zum Ausbruch des Weltkriegs erweiterte sich der Kreis der Kritiker, aber nicht dramatisch. Die Kritik der speziellen Relativitätstheorie blieb eine Angelegenheit von ca. 48 Autoren mit ca. 105 Veröffentlichungen innerhalb der akademischen Wissenschaften.

Die Summe der Kritik
Die rund hundert kritischen Arbeiten enthalten eine umfassende, fundamentale und vernichtende Kritik der speziellen Relativitätstheorie, der die Relativisten nichts als Beschwichtigungen, Ausflüchte und Gegenbehauptungen entgegengesetzt haben.

1908 M. Abraham: Zeitbegriff
ABRAHAM, MAX:
Theorie der Elektrizität [Bd. 2] : Elektromagnetische Theorie der Strahlung. 2. Aufl. Leipzig: Teubner, 1908. 404 S. – Vorwort: Juli 1908.

S. 368-369: Einsteins „Forderung“ der C-Konstanz und das Relativitäts-“Postulat“ und die daraus abgeleitete Zeitdefinition führen zu „nicht annehmbaren“ Konsequenzen: „sie machen es notwendig, die Einsteinsche Zeitdefinition abzulehnen“ (S. 368-369). Die Dauer eines Vorganges ist unabhängig davon, ob sie „in der Skala der allgemeinen Zeit oder in der Ortszeitskala gemessen wird“ (S. 369); das Postulat der C-Konstanz muß fallen. – Vgl. Fehler B 1 – 3.

1910 O. Berg: Relativitätsprinzip, Minkowski-Welt
BERG, OTTO:
Das Relativitätsprinzip der Elektrodynamik / Otto Berg.
In: Abhandlungen der Fries’schen Schule. NF. Bd 3, H. 2. 1910, S. 333-382 (= S. 1-50).

In der Theorie soll ein spezieller physikalischer Vorgang, nämlich die Lichtausbreitung, besondere Bedeutung erhalten durch die Behauptung der Lichtgeschwindigkeit (C) als für jeden Beobachter gleich (C-Konstanz) und als größte anzutreffende Geschwindigkeit überhaupt (C-Maximalität). Für die behauptete C-Maximalität gibt es keinerlei Anhaltspunkt; sie kann jederzeit durch die Messung einer höheren Geschwindigkeit widerlegt werden (S. 377).

Auch die C-Konstanz ist durch die Erfahrung nicht begründet. (S. 37 . – Der MMV hat keineswegs den absoluten Wert für C gemessen (S. 380). – Ergebnis: MMV beweist nichts über die C-Konstanz, andere experimentelle Bestätigung fehlt; das RP ist nicht aus der Erfahrung hergeleitet, kann weder bestätigt noch widerlegt werden (S. 382). – Liefert zur Einführung eine ausgezeichnete Problemgeschichte der Elektrodynamik (S. 336-357). Nach Mohorovicic 1925 (Klärung) ist dies die erste kritisch zusammenfassende Darstellung überhaupt. – Vgl. Fehler B 1 – 5.

1911 Einstein: Vortrag in Zürich
EINSTEIN, ALBERT:
Die Relativitätstheorie.
In: Naturforschende Gesellschaft in Zürich. Vierteljahrsschrift. 56. 1911, H. 1/2, S. 1-14.

Überträgt den behaupteten Effekt der Zeitdilatation auf Lebewesen (S. 12): „Wenn wir z.B. einen lebenden Organismus in eine Schachtel hineinbrächten und ihn dieselbe Hin- und Herbewegung ausführen lassen wie vorher die Uhr, so könnte man es erreichen, dass dieser Organismus nach einem beliebig langen Fluge beliebig wenig geändert wieder an seinen ursprünglichen Ort zurückkehrt, während ganz entsprechend beschaffene Organismen, welche an den ursprünglichen Orten ruhend geblieben sind, bereits längst neuen Generationen Platz gemacht haben.“ „Dies ist eine unabweisbare Konsequenz der von uns zugrundegelegten Prinzipien, die die Erfahrung uns aufdrängt.“

Damit ist Albert Einsteins Urheberschaft für die phantastische Zuspitzung zum Zwillings-Fehler – von den Relativisten gern zum „Paradoxon“ hochstilisiert – dokumentiert. Die Kritik hat die Unhaltbarkeit der Zeitdilatation dargetan; umso leichter ist die Ausmalung der Zwillingsgeschichte zu behandeln. Vgl. Fehler D 9.

1911 M. v. Laue: Erste Monographie
LAUE, MAX V.:
Das Relativitätsprinzip / von M. Laue. Braunschweig: Vieweg, 1911. 208 S. (Die Wissenschaft. 38.) – 2. Aufl. 1913.

Das Vorwort des überzeugten Relativisten der ersten Stunde vom Mai 1911 beweist eine nüchterne und faire Beurteilung der Lage der Theorie und ist deshalb beachtenswert:

„Manche Forscher, darunter auch Träger sehr bekannter Namen, halten ihre empirische Begründung für nicht hinreichend fest. Bedenken dieser Art ist natürlich nur durch weitere Versuche abzuhelfen; immerhin legt das vorliegende Büchlein Wert auf den Nachweis, daß z. B. kein einziger empirischer Grund gegen diese Theorie vorhanden ist. Weit größer aber ist die Zahl derjenigen, welche sich mit ihrem gedanklichen Inhalt nicht befreunden können, denen namentlich die Relativität der Zeit mit ihren manchmal in der Tat recht paradox aussehenden Konsequenzen unannehmbar erscheint.“

Die Erkenntnis, daß nur „weitere Versuche“ mit entsprechendem Ergebnis die Theorie stützen können, ist später in Vergessenheit geraten. Die Relativisten haben ab 1922 andere Mittel gefunden.

(Zitatende) Fortsetzung folgt

Beste Grüße Ekkehard Friebe 

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