Thomas S. Kuhn: „X. Revolutionen als Wandlungen des Weltbildes“ (4. Forts.)
Aus dem bereits als Buchempfehlung genannten Buch
Thomas Samuel Kuhn: „Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen“
bringe ich nachstehend eine weitere Leseprobe (Seiten 130 bis 132) aus dem Kapitel:
„X. Revolutionen als Wandlungen des Weltbildes“ der 2. deutschen Auflage von 1976.
Zitat:
Verschiebungen dieser Art sind nicht auf Astronomie und Elektrizitätslehre beschränkt. Wir haben schon einige ähnliche Umwandlungen der Sehweise erwähnt, die der Geschichte der Chemie entnommen werden können. Wir sagten, Lavoisier habe Sauerstoff gesehen, wo Priestley entphlogistizierte Luft und andere überhaupt nichts gesehen hatten. Während er sich daran gewöhnte, Sauerstoff zu sehen, mußte Lavoisier auch seine Anschauung von vielen anderen, vertrauteren Stoffen ändern. Er mußte beispielsweise ein zusammengesetztes Erz sehen, wo Priestley und seine Zeitgenossen eine elementare Erde gesehen hatten; und solcher Wandlungen gab es noch mehr.
Zum allermindesten sah Lavoisier als Ergebnis der Entdeckung des Sauerstoffs die Natur anders. Und da er keinen Zugang zu dieser hypothetischen feststehenden Natur hatte, die er jetzt »anders sah«, zwingt uns das Prinzip der Ökonomie zu sagen, daß Lavoisier, nachdem er den Sauerstoff entdeckt hatte, in einer anderen Welt arbeitete.
Ich werde gleich die Möglichkeit untersuchen, diese seltsame Formulierung zu vermeiden, doch zuerst brauchen wir ein weiteres Beispiel für ihren Gebrauch; wir werden es aus einem der am besten bekannten Teile von Galileis Werk nehmen. Seit dem fernen Altertum haben die meisten Menschen diesen oder jenen schweren Körper an einer Schnur oder einer Kette hin und her schwingen sehen, bis er schließlich zum Stillstand kam. Für die Anhänger des Aristoteles, die glaubten, ein schwerer Körper werde aus sich heraus von einer höheren Lage in einen Zustand der natürlichen Ruhe in einer niedrigeren Lage bewegt, war der schwingende Körper lediglich ein mit Behinderungen fallender Körper. Von der Kette gehalten, konnte er am niedrigsten Punkt nur nach einer mühsamen Bewegung und einer beträchtlichen Zeitspanne zum Stillstand kommen. Galilei aber sah beim Anblick des schwingenden Körpers ein Pendel, einen Körper, dem es fast gelang, die gleiche Bewegung immer wieder ad infinitum auszuführen.
Nachdem er das gesehen hatte, beobachtete Galilei auch noch andere Eigenschaften des Pendels und konstruierte aufgrund dieser Beobachtungen viele der bedeutendsten und originellsten Teile seiner neuen Dynamik. Von den Eigenschaften des Pendels leitete Galilei beispielsweise seine einzigen vollständigen und folgerichtigen Argumente für die Unabhängigkeit von Gewicht und Fallgeschwindigkeit sowie für den Zusammenhang zwischen senkrechter Höhe und Endgeschwindigkeit der Bewegungen auf schiefen Ebenen her [Anmerkung 10]. Alle diese Naturphänomene sah er anders, als sie vorher gesehen worden waren.
Wie kam es zu diesem Wandel des Sehens? Natürlich durch Galileis persönliches Genie. Bedenken wir aber, daß sich Genie hier nicht in genauerer oder objektiverer Beobachtung des schwingenden Körpers manifestiert. In bezug auf Beschreibung ist die aristotelische Wahrnehmung ebenso genau. Als Galilei berichtete, daß die Schwingungsdauer des Pendels bei Amplituden bis zu 90° unabhängig von der Amplitude war, brachte ihn seine Vorstellung vom Pendel dazu, weit mehr Regelmäßigkeit zu sehen, als wir heute entdecken können [Anmerkung 11]. Worum es hier zu gehen scheint, ist vielmehr, daß ein Genie die Wahrnehmungsmöglichkeiten ausbeutete, die durch einen Paradigmawandel im Mittelalter geschaffen worden waren. Galilei war nicht ganz und gar zum Aristoteliker erzogen worden. Im Gegenteil, er war geschult, Bewegungen mittels der Impetustheorie zu analysieren, eines spätmittelalterlichen Paradigmas, das behauptete, die fortlaufende Bewegung eines schweren Körpers sei auf eine Kraft zurückzuführen, die der Werfer, der seine Bewegung auslöste, in ihn hineingelegt habe. Jean Buridan und Nicole Oresme, zwei Scholastiker des vierzehnten Jahrhunderts, welche die Impetustheorie auf ihre vollkommensten Formulierungen brachten, sind die ersten, die in Schwingungsbewegungen alles sahen, was Galilei darin sah. Buridan beschreibt die Bewegung einer schwingenden Saite so, daß zunächst der Impetus beim Anschlagen der Saite eingegeben wird; der Impetus wird dann aufgebraucht, indem die Saite gegen den Widerstand ihrer Spannung verlagert wird; die Spannung trägt die Saite zurück, wobei ein wachsender Impetus eingegeben wird, bis der Mittelpunkt der Bewegung erreicht ist; danach verlagert der Impetus die Saite in entgegengesetzter Richtung, wiederum gegen den Widerstand der Saitenspannung, und so weiter in einem symmetrischen Vorgang, der unendlich fortdauern kann. Später in diesem Jahrhundert umriß Oresme eine ähnliche Analyse des schwingenden Steins, in der wir heute die erste Diskussion eines Pendels sehen [Anmerkung 12].
Seine Anschauung folgt ganz eng derjenigen, mit welcher Galilei sich zum ersten Mal dem Pendel zuwandte. Zumindest in Oresmes Fall, und fast mit Sicherheit auch in Galileis, war es eine Anschauung, die der Übergang vom ursprünglichen aristotelischen zum scholastischen Impetus-Paradigma für die Bewegung möglich gemacht hatte. Solange dieses scholastische Paradigma nicht gefunden war, konnten die Wissenschaftler keine Pendel, sondern nur schwingende Steine sehen. Die Pendel wurden durch etwas ins Leben gerufen, das einem durch ein Paradigma herbeigeführten Gestaltwandel sehr ähnlich war.
(Zitatende)
Weitere Informationen zu Thomas Samuel Kuhn finden Sie hier.
Beste Grüße Ekkehard Friebe