Thomas S. Kuhn: „X. Revolutionen als Wandlungen des Weltbildes“ (2. Fortsetzung)
Aus dem bereits als Buchempfehlung genannten Buch
Thomas Samuel Kuhn: „Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen“
bringe ich jetzt eine weitere Leseprobe (Seiten 126 bis 128) aus dem Kapitel:
„X. Revolutionen als Wandlungen des Weltbildes“ der 2. deutschen Auflage von 1976:
Zitat:
Bei der wissenschaftlichen Beobachtung ist die Situation jedoch genau umgekehrt. Der Wissenschaftler kann nichts heranziehen, was jenseits dessen läge, was er mit den Augen und seinen Apparaten zu erfassen vermag. Gäbe es eine höhere Autorität, die ihm bestätigen könnte, daß seine Sehweise sich verschoben hat, dann würde diese Autorität selbst zur Quelle seiner Sinnesdaten, und das Verhalten seiner Sehweise würde zu einer Quelle von Problemen (wie es das Verhalten der Versuchsperson für den Psychologen ist). Die gleichen Probleme würden sich ergeben, wenn der Wissenschaftler so wie die Versuchsperson bei den Gestaltexperimenten bald die eine, bald die andere Wahrnehmung hervorrufen könnte.
Die Periode, in der das Licht »manchmal eine Welle und manchmal ein Partikel« war, war eine Krisenzeit — eine Periode, in der etwas nicht stimmte –, und sie endete erst mit der Entwicklung der Wellenmechanik und der Erkenntnis, daß das Licht eine selbständige Entität ist, unterschieden von Wellen wie von Partikeln. Wenn also in den Wissenschaften Wahrnehmungsverschiebungen die Paradigmawechsel begleiten, können wir von den Wissenschaftlern nicht erwarten, daß sie diese Veränderungen unmittelbar bezeugen. Beim Betrachten des Mondes sagt einer, der sich zum Kopernikanismus bekehrt hat, nicht: »Ich pflegte einen Planeten zu sehen, jetzt aber sehe ich einen Trabanten.« Diese Art der Formulierung würde implizieren, daß das Ptolemäische System in einem bestimmten Sinne einmal richtig war. Der zur neuen Astronomie Bekehrte sagt vielmehr: »Ich hielt einst den Mond für (oder sah den Mond als) einen Planeten, ich hatte aber unrecht.« Diese Art der Feststellung hört man oft im Gefolge wissenschaftlicher Revolutionen. Wenn sie gewöhnlich eine Verschiebung des wissenschaftlichen Sehens oder eine andere geistige Umwandlung von gleicher Wirkung verbirgt, können wir kein unmittelbares Zeugnis für diese Verschiebung erwarten. Wir müssen vielmehr nach mittelbaren und aus dem Verhalten hervorgehenden Beweisen dafür suchen, daß der Wissenschaftler mit einem neuen Paradigma anders sieht, als er vorher zu sehen pflegte.
Kehren wir also zum historischen Material zurück und fragen, welche Veränderungen in der Welt des Wissenschaftlers ein Historiker, der an solche Wechsel glaubt, entdecken kann. Sir William Herschels Entdeckung des Uranus gibt uns ein erstes Beispiel, und zwar eines, das eine enge Parallele zu dem Experiment mit den anomalen Karten bietet. Bei mindestens siebzehn verschiedenen Gelegenheiten hatten von 1690 bis 1781 mehrere Astronomen, darunter einige der hervorragendsten europäischen Beobachter, einen Fixstern in Positionen gesehen, von denen wir heute annehmen müssen, daß sie zu jener Zeit von Uranus eingenommen wurden. Einer der besten Beobachter in dieser Gruppe hatte 1769 den Stern sogar in vier aufeinander folgenden Nächten gesehen, ohne eine Bewegung festzustellen, die eine andere Identifizierung hätte nahe legen können. Als Herschel zwölf Jahre später das gleiche Objekt zum ersten Mal beobachtete, hatte er ein stark verbessertes, selbstgebautes Teleskop. Dadurch war er in der Lage, einen scheinbaren Durchmesser der Scheibe festzustellen, die für Fixsterne zumindest ungewöhnlich war. Irgend etwas stimmte nicht, und er verschob deshalb die Identifizierung, um weitere Nachforschungen anzustellen. Durch diese Untersuchungen wurde die Bewegung des Uranus entdeckt, und Herschel verkündete daher, er habe einen neuen Kometen entdeckt! Erst einige Monate später, nach vergeblichen Versuchen, die beobachtete Bewegung in eine Kometenbahn einzupassen, kam Lexell darauf, daß die Bahn möglicherweise die eines Planeten sei [Anmerkung 4]. Als man diese Anregung akzeptiert hatte, gab es in der Welt der Fachastronomen einige Fixsterne weniger und einen Planeten mehr. Ein Himmelskörper, der fast ein Jahrhundert lang ab und zu beobachtet worden war, wurde nach 1781 anders gesehen, da er, genau wie eine anomale Spielkarte, nicht länger in die von dem früher vorherrschenden Paradigma gelieferten Wahrnehmungskategorien (Fixstern oder Komet) eingeordnet werden konnte.
(Zitatende)
Beste Grüße Ekkehard Friebe