Thomas Samuel Kuhn: „X. Revolutionen als Wandlungen des Weltbildes“
Aus dem bereits als Buchempfehlung genannten Buch
Thomas Samuel Kuhn: „Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen“
bringe ich jetzt eine weitere Leseprobe von den Seiten 123 bis 124 der 2. deutschen Auflage von 1976:
Zitat:
X. Revolutionen als Wandlungen des Weltbildes
Wenn der Wissenschaftshistoriker die Ergebnisse der früheren Forschung vom Standpunkt der zeitgenössischen Geschichtsschreibung aus untersucht, könnte sich ihm der Gedanke aufdrängen, daß bei einem Paradigmawechsel die Welt sich ebenfalls verändert. Unter der Führung eines neuen Paradigmas verwenden die Wissenschaftler neue Apparate und sehen sich nach neuen Dingen um. Und was noch wichtiger ist, während der Revolutionen sehen die Wissenschaftler neue und andere Dinge, wenn sie mit bekannten Apparaten sich an Stellen umsehen, die sie vorher schon einmal untersucht hatten. Es ist fast, als wäre die Fachgemeinschaft plötzlich auf einen anderen Planeten versetzt worden, wo vertraute Gegenstände in einem neuen Licht erscheinen und auch unbekannte sich hinzugesellen.
Natürlich geschieht in Wirklichkeit nicht ganz dies: es gibt keine geographische Verpflanzung; außerhalb des Labors gehen die alltäglichen Geschehnisse wie bisher weiter. Und doch, Paradigmawechsel veranlassen die Wissenschaftler tatsächlich, die Welt ihres Forschungsbereichs anders zu sehen. Soweit ihre einzige Beziehung zu dieser Welt in dem besteht, was sie sehen und tun, können wir wohl sagen, daß die Wissenschaftler nach einer Revolution mit einer anderen Welt zu tun haben.
Als einfachste Modelle für solche Veränderungen der Welt des Wissenschaftlers erweisen sich die bekannten Darstellungen eines visuellen Gestaltwandels als sehr lehrreich. Was in der Welt des Wissenschaftlers vor der Revolution Enten waren, sind nachher Kaninchen. Ein Mensch, der zuerst die Außenseite eines Kastens von oben sah, sieht später die Innenseite von unten. Veränderungen dieser Art sind übliche Begleiterscheinungen der wissenschaftlichen Ausbildung, wenn sie auch gewöhnlich langsamer vor sich gehen und fast nie rückgängig zu machen sind. Bei einem Blick auf eine Höhenlinienkarte sieht der Studierende Linien auf einem Bogen Papier, der Kartograph dagegen sieht das Bild eines Geländeabschnitts. Beim Blick auf ein Blasenkammerphoto sieht der Studierende verworrene und unterbrochene Linien, der Physiker aber sieht die Aufzeichnung eines bekannten subnuklearen Vorgangs. Erst nach einer Anzahl solcher Umwandlungen des Sehbildes wird der Studierende ein Bewohner der Welt des Wissenschaftlers, der sieht, was der Wissenschaftler sieht, und reagiert, wie es der Wissenschaftler tut. Die Welt, in die der Studierende dann eintritt, ist jedoch nicht ein für allemal durch die Natur seiner Umwelt einerseits und der Wissenschaft andererseits festgelegt. Sie wird vielmehr gemeinsam von der Umwelt und der bestimmten normal-wissenschaftlichen Tradition, der zu folgen der Studierende angehalten wurde, bestimmt.
Deshalb muß zur Zeit einer Revolution, da sich die normal-wissenschaftliche Tradition verändert, die Wahrnehmung des Wissenschaftlers von seiner Umgebung neu gebildet werden — in manchen vertrauten Situationen muß er eine neue Gestalt sehen lernen. Wenn er das getan hat, wird die Welt seiner Forschung hie und da mit der vorher von ihm bewohnten nicht vergleichbar erscheinen. Das ist ein weiterer Grund, warum von verschiedenen Paradigmata geleitete Schulen immer etwas aneinander vorbeireden.
In ihrer gebräuchlichsten Form zeigen Gestaltexperimente natürlich lediglich das Wesen von Veränderungen in der Wahrnehmung. Sie sagen uns nichts über die Rolle von Paradigmata oder von früher bereits assimilierten Erfahrungen beim Wahrnehmungsvorgang. Für diese Frage jedoch steht eine reichhaltige psychologische Literatur zur Verfügung, von welcher ein großer Teil aus der bahnbrechenden Arbeit des Hanover Institute herrührt. Eine Versuchsperson, der eine Spezialbrille mit Umkehrlinsen aufgesetzt wird, sieht anfänglich die ganze Welt auf dem Kopf stehend. Zu Beginn funktioniert das Wahrnehmungssystem der Versuchsperson in der Weise, wie es ohne Brille zu sehen gelehrt wurde, und das Ergebnis ist eine völlige Desorientierung, eine akute persönliche Krise.
Nachdem die Versuchsperson aber gelernt hat, sich der neuen Welt anzupassen, kippt das gesamte Gesichtsfeld um, gewöhnlich nach einer Zwischenperiode, in welcher das Sehbild verworren ist. Danach werden die Objekte wieder so wahrgenommen, wie es vor dem Aufsetzen der Brille der Fall war. Die Assimilation eines vorher anomalen Gesichtsfeldes hat auf das Feld selbst eingewirkt und es verändert [Anmerkung 1]. Wörtlich und metaphorisch hat der an Umkehrlinsen gewöhnte Mensch eine revolutionäre Umwandlung des Sehens durchgemacht.
(Zitatende)
Beste Grüße Ekkehard Friebe