Wigbert Winkler: „GOTT ZUFALL“

Es folgt jetzt eine weitere Studie von Wigbert Winkler aus der Zeitschrift Abenteuer Philosophie, Nr. 119, Seiten 12 bis 14. 
Internet: http://www.abenteuer-philosophie.com/ 

Zitat:

GOTT ZUFALL

Die Philosophie beschäftigt sich großteils mit jenen Fragen, die an den Grenzen unseres Denkvermögens angesiedelt sind. Dazu gehört die Frage nach dem Ursprung des Universums, dem Ursprung des Menschen, dem Sinn des Seins, die Frage nach der Existenz eines ursprünglichen Wesens, mag man es nun Gott, das Eine oder das Sein nennen. Diese Fragen sind allesamt nicht zweifelsfrei zu beantworten. Seit sich auch die Wissenschaft an derartige Grenzfragen heranwagt, taucht immer wieder der Begriff „Zufall“ als Erklärung, als Lösung auf. Ist der Zufall die Lösung für die bedeutendsten Fragen, die sich Menschen stellen können? Oder sind Theorien, die auf dem Zufall aufbauen, eine Sackgasse und hat etwa Voltaire Recht, der sagte: „Zufall ist ein Wort ohne Sinn. Nichts kann ohne Ursache existieren“?   

Der Zufall in der Antike
Die erste philosophische Behandlung des Zufalls geht – nach den heute noch erhaltenen Quellen – bis auf Aristoteles zurück. Seine Vorstellung von der Seele ist sehr mit der Idee des Zufalls verbunden. Aristoteles [1] sah die menschliche Seele bei der Geburt als „Tabula rasa“, als leere Schreibtafel an, die durch die Eindrücke der Sinne und die dem Wesen widerfahrenden Erlebnisse „beschrieben“ wird. Da diese Eindrücke bei den verschiedenen Menschen sehr unterschiedlich sind, hängt für jeden Menschen sehr viel von den Zufälligkeiten dieser Erlebnisse ab.

Das Beispiel von der Schreibtafel hat Aristoteles aber von seinem Lehrer Platon übernommen [2]. Dieser allerdings hat es ganz anders verwendet. Für Platon gab es bei den „leer“ gemachten Schreibtafeln gehörige Unterschiede. War die Tafel wirklich heiß gemacht worden, dann war die Oberfläche sehr glatt und gut zu beschreiben. Wenn aber die Tafel nicht gut geglättet war, dann war es unmöglich, sie schön zu beschreiben. Diese unterschiedlichen Voraussetzungen haben bei Platon ihren Ursprung in den unterschiedlichen Handlungen im Vorleben der jeweiligen Menschen – denn Platon vertrat die Lehre der Wiedergeburt und Aristoteles nicht.

Ähnlich zeigt sich dieser grundsätzliche Unterschied auch darin, wie Aristoteles und Platon den Ursprung der Philosophie erklärten. Aristoteles [3] sah den Ursprung der Philosophie im Staunen des Menschen über die Natur, das zu einem Hinterfragen von bisher als selbstverständlich angenommenen Meinungen führt. Platon hingegen sah den Ursprung der Philosophie in der Reminiszenz [4], der unterschwelligen Erinnerung der Seele an deren Erlebnisse im Jenseits und in Vorleben.

[1] Vgl.: Aristoteles: De anima
[2] Vgl.: Platon: Theaitetos
[3] Vgl.: Aristoteles: Metaphysik
[4] Vgl.: Platon: Phaidros

(Zitatende)  

Lesen Sie bitte hier weiter!

Beste Grüße Ekkehard Friebe 

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