{"id":3461,"date":"2013-10-02T04:40:37","date_gmt":"2013-10-02T03:40:37","guid":{"rendered":"http:\/\/ekkehard-friebe.de\/blog\/?p=3461"},"modified":"2013-10-02T04:40:37","modified_gmt":"2013-10-02T03:40:37","slug":"darf-man-falsches-lehren-eine-wissenschaftsdidaktische-uberlegung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ekkehard-friebe.de\/blog\/darf-man-falsches-lehren-eine-wissenschaftsdidaktische-uberlegung\/","title":{"rendered":"Darf man Falsches lehren? &#8211; Eine wissenschaftsdidaktische \u00dcberlegung"},"content":{"rendered":"<dl class=\"clearfix fotol\" style=\"text-align: justify; width: 135px;\">\n<dt><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image- 1831\" alt=\"\" src=\"http:\/\/www.ekkehard-friebe.de\/bilder\/Bild-Carl-Benedicks.jpg\" width=\"125\" height=\"175\" \/><\/dt>\n<\/dl>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Von Prof. G. Vollmer<br \/>\n<\/strong><b><span style=\"color: #000000;\"><strong>Darf man Falsches lehren?<\/strong> &#8211; <strong>Eine wissenschaftsdidaktische \u00dcberlegung<\/strong><br \/>\n<\/span><\/b><span style=\"color: #000000;\">Zentrum f\u00fcr Philosophie und Grundlagen der Wissenschaft der Universit\u00e4t,<br \/>\nD-6300 Gie\u00dfen (aus: Naturwissenschaften 76, 185 \u2013 193 (1989) <\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Dass jemand <em>bewusst<\/em> Falsches lehrt, scheint sowohl die Ethik der Wissenschaft als auch die Pflichten des verantwortungsvollen Erziehers zu verletzen. Gleichwohl lehren wir regelm\u00e4\u00dfig Falsches, etwa Galileis Fallgesetze oder \u00fcberhaupt klassische Mechanik. Und unter genau angebbaren Bedingungen d\u00fcrfen wir das auch. Insbesondere muss die als falsch erkannte Theorie in anderen Hinsichten ausreichend brauchbar sein.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><span style=\"color: #000000;\"><!--more-->Eine Gewissensfrage?<br \/>\n<\/span><\/strong><span style=\"color: #000000;\">Die Frage, ob man auch Falsches lehren d\u00fcrfe, wird zun\u00e4chst und spontan ein entschiedenes Nein hervor\u00adrufen. Es schiene sowohl der Wahrheitssuche der Wis\u00adsenschaft als auch dem p\u00e4dagogischen Auftrag des Lehrenden zu widersprechen. Allerdings werden auch sofort einige Bedenken und Einw\u00e4nde auftauchen, Einw\u00e4nde freilich, die eher den Sinn und die Berechti\u00adgung der Frage als die verneinende Antwort betreffen. Sie sollten deshalb vorweg bedacht werden. <\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Erstens wissen wir, dass wir \u2013 auch als Lehrer \u2013 nicht gegen Irrtum gefeit sind. Da wir fehlbar sind und da unser Wissen immer vorl\u00e4ufig bleibt, kann im Prinzip jedes Element unseres Lehrstoffs auch falsch sein. Wer Wissen vermittelt, der l\u00e4uft damit auch Gefahr, Irrt\u00fcmer weiterzugeben. Und wer, um dieses Risiko zu vermeiden, nur als sicher Erkanntes lehren wollte, der d\u00fcrfte \u00fcberhaupt nichts mehr lehren. Das Verbot oder die Weigerung, Falsches zu lehren, kann sich also nur auf bekannt Falsches beziehen. Und die Frage lautet eben genauer: Darf man <em>bewusst <\/em>Falsches lehren? Darf man etwas lehren, von dem man bereits wei\u00df, dass es falsch ist? Die spontane Antwort auf diese pr\u00e4zisierte Frage wird dann allerdings ein ebenso entschiedenes Nein sein. <\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Zweitens k\u00f6nnte man kritisch nachfragen, ob man denn <em>wissen <\/em>k\u00f6nne, dass eine Hypothese, eine Theorie oder ein Verfahren falsch ist. Wenn all unser Wissen fehlbar ist, wie kritische Rationalisten und hypotheti\u00adsche Realisten behaupten, ist dann nicht auch unser Wissen um das Falsche und um die Fehlbarkeit unseres Wissens fehlbar? Wenn wir <em>nichts <\/em>sicher wissen, dann doch auch nicht, dass etwas falsch ist. Kommen wir dann \u00fcberhaupt jemals in die Verlegenheit, <em>gewusst <\/em>Falsches zu lehren? <\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Die Einsicht in die Fehlbarkeit unseres Wissens bedeutet nicht, dass wir nichts wissen und nichts wissen k\u00f6nnen. Sie zeigt nur, dass wir Sicherheit nicht als Merkmal eines angemessenen Wissensbegriffs ansehen sollten. Fordert man n\u00e4mlich, dass Wissen <em>sicher <\/em>sein m\u00fcsse (so dass \u201esicheres Wissen\u201c ein Pleonasmus, \u201efehlbares\u201c oder \u201eVermutungswissen\u201c dagegen ein Selbstwiderspruch w\u00e4re), dann schlie\u00dft die These von der Fehlbarkeit menschlichen Wissens ein, dass wir \u00fcberhaupt nichts wissen, und dies w\u00fcrde unserer Intuition doch allzu sehr widersprechen. Nicht einmal in der <em>Wissenschaft <\/em>g\u00e4be es dann Wissen; wenn aber hier nicht, wo sonst? <\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Akzeptieren wir jedoch einen Wissensbegriff, der Fehlbarkeit zul\u00e4sst, dann k\u00f6nnen wir uns nat\u00fcrlich nicht nur dar\u00fcber irren, was wahr, sondern auch dar\u00fcber, was falsch ist. Und wir k\u00f6nnen dann auch <em>wissen, <\/em>dass etwas falsch ist, ohne dessen auch <em>sicher <\/em>sein zu m\u00fcssen. In diesem Sinne also stellen wir die Frage, ob man etwas lehren \u2013 und damit als wahr hinstellen \u2013 darf, von dem man wei\u00df, besser: zu wissen glaubt oder vermutet, dass es falsch ist. Und auch in diesem noch einmal pr\u00e4zisierten Sinne wird man die Frage wieder mit einem spontanen Nein beantworten. Schie\u00adne es doch das wissenschaftliche Ethos zu verletzen, wenn man \u201ewider besseres Wissen\u201c Falsches lehren wollte. <\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Drittens k\u00f6nnte jemand sich vorsichtig oder auch h\u00e4\u00admisch erkundigen, was mit \u201eWahr\u201c und \u201eWahrheit\u201c denn wohl gemeint sei, und die Antwort auf die zu-n\u00e4chst gestellte Frage aussetzen, bis eine befriedigende Explikation des Wahrheitsbegriffs zur Verf\u00fcgung steht. Man kann sogar vorgeben, gar nicht zu wissen, was eigentlich gefragt ist, solange eine solche Erl\u00e4ute\u00adrung nicht gegeben wurde. <\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Nun ist es zwar leicht, f\u00fcr \u201eWahrheit\u201c irgendeine Defi\u00adnition zu geben, sie zum Beispiel im Sinne der Korre\u00adspondenztheorie als \u201e\u00dcbereinstimmung mit der Wirk\u00adlichkeit\u201c zu definieren; diese Definition wird aber nicht jeden befriedigen. Und es ist bekannt, dass eine <em>allgemein anerkannte <\/em>Wahrheitsdefinition bisher nicht existiert und vermutlich auch nie existieren wird. <\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">In dieser Situation wird man nicht darauf bestehen, den Kritiker von der Angemessenheit der vorgeschla\u00adgenen Wahrheitsdefinition zu <em>\u00fcberzeugen, <\/em>sondern sich damit begn\u00fcgen, dass der Betreffende einen wenig\u00adstens <em>versteht. <\/em>Die Frage, ob man Falsches lehren d\u00fcr\u00adfe, wird dadurch nicht sinnlos; sie wird aber \u2013 je nach Wahrheitsbegriff \u2013 verschiedene Deutungen und des\u00adhalb auch verschiedene Antworten zulassen. Und sind die Deutungen untereinander gleichwertig, so k\u00f6nnen auch ganz unterschiedliche Antworten ihre spezifische Berechtigung haben. <\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Im folgenden soll der Wahrheitsbegriff im Sinne der traditionellen Korrespondenztheorie verstanden und verwendet werden. Das Pr\u00e4dikat \u201ewahr\u201c bezieht sich dabei ausschlie\u00dflich auf Aussagen, also auf sprachli\u00adche Gebilde, und beispielsweise nicht auf Dinge, Ei\u00adgenschaften oder \u00dcberzeugungen. Au\u00dferdem werden wir uns auf Aussagen \u00fcber die <em>Welt, <\/em>also auf <em>fakti\u00adsche <\/em>Hypothesen und Hypothesensysteme (Theorien) beschr\u00e4nken. <\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Nur nebenbei sei bemerkt, dass der viel zitierte Tarski\u00adsche Wahrheitsbegriff\u2019 der die klassische Korrespon\u00addenztheorie zugrundelegt und verfeinert, zun\u00e4chst nur f\u00fcr <em>formale <\/em>Sprachen gilt, f\u00fcr die Explikation <em>fakti\u00adscher <\/em>Wahrheit dagegen noch nicht ausreicht. <\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Au\u00dferdem sei daran erinnert, dass die korrespondenz-theoretische Wahrheits\u00ad<em>definition<\/em> nicht auch schon automatisch ausreichende Wahrheits<em>kriterien<\/em> liefert. Solche Kriterien wie Konsens, Konsistenz, Koh\u00e4renz oder Erfolg k\u00f6nnen leicht hinzugef\u00fcgt werden; ange\u00adsichts der Vorl\u00e4ufigkeit unseres Wissens sind dabei jedoch <em>keine erf\u00fcllbaren hinreichenden Wahrheitskriterien <\/em>zu erwarten. Wir k\u00f6nnen zwar <em>beschreiben, <\/em>wann wir eine Aussage im allgemeinen als wahr ansehen; wir k\u00f6nnen auch \u2013 dieser Beschreibung folgend oder von ihr abweichend \u2013 <em>festlegen, <\/em>wann wir sie als wahr akzeptieren <em>sollten; <\/em>und wir k\u00f6nnen <em>beschlie\u00dfen, wann <\/em>wir sie als wahr akzeptieren <em>wollen. <\/em>Es gibt jedoch keine M\u00f6glichkeit, die Anerkennung einer Tatsachenbehauptung durch andere argumentativ zu erzwingen, keinen K\u00f6nigsweg zur Wahrheit. Die Wahrheit ist nicht nur h\u00e4ufig genug verborgen; auch einmal entdeckt, ist sie \u2013 entgegen Platon oder Descartes \u2013 nicht ohne weiteres oder gar zweifelsfrei <em>als Wahrheit <\/em>erkennbar [1]. <\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Unsere Ausgangsfrage darf nun so interpretiert werden: Darf der Lehrende Aussagen als wahr hinstellen, von denen er wei\u00df, dass sie mit der Wirklichkeit nicht \u00fcbereinstimmen, dass sie die Tatsachen nicht angemessen beschreiben? Auch hierauf wird die Antwort ein vielleicht nicht mehr so spontanes, aber doch wohl immer noch entschiedenes Nein sein. Ob und inwieweit dieses Nein berechtigt ist, soll dann Gegenstand der folgenden Betrachtungen sein. <\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Viertens k\u00f6nnte man \u2013 und damit soll die Liste der Bedenken zun\u00e4chst einmal enden \u2013 erneut tiefer bohren und fragen, ob es Wahr und Falsch denn \u00fcberhaupt <em>gibt <\/em>und ob es \u2013 bei der Fragw\u00fcrdigkeit des Wahrheitsbegriffs \u2013 wirklich sinnvoll ist, von der Wahrheit wissenschaftlicher Aussagen zu <em>reden. <\/em>Gen\u00fcgt es zum Beispiel nicht, wissenschaftliche Theorien als Instrumente, als Schlussfahrkarten, als Algorithmen zur Erstellung von Handlungsanweisungen zu betrachten? Sind die Begriffe ,wahr\u2019 und ,falsch\u2019 nicht entbehrlich, allenfalls eine Abk\u00fcrzung f\u00fcr ,brauchbar\u2019, ,praktisch\u2019, ,\u00f6konomisch\u2019, ,zielf\u00fchrend\u2019, ,erfolgsf\u00f6rdernd\u2019?<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Prof. G. Vollmer<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Lesen Sie bitte <\/span><span style=\"color: #800000;\"><a title=\"hier\" href=\"http:\/\/www.ekkehard-friebe.de\/Falsches.html\" target=\"_blank\"><span style=\"color: #800000;\">hier<\/span><\/a><\/span><span style=\"color: #000000;\"> weiter! <\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Prof. G. 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