{"id":3403,"date":"2013-07-12T03:19:38","date_gmt":"2013-07-12T02:19:38","guid":{"rendered":"http:\/\/ekkehard-friebe.de\/blog\/?p=3403"},"modified":"2013-07-12T03:19:38","modified_gmt":"2013-07-12T02:19:38","slug":"thomas-samuel-kuhn-die-struktur-wissenschaftlicher-revolutionen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ekkehard-friebe.de\/blog\/thomas-samuel-kuhn-die-struktur-wissenschaftlicher-revolutionen\/","title":{"rendered":"Thomas Samuel Kuhn: \u201eDie Struktur wissenschaftlicher Revolutionen\u201c"},"content":{"rendered":"<dl class=\"clearfix fotol\" style=\"text-align: justify; width: 135px;\">\n<dt><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image- 1831\" alt=\"\" src=\"http:\/\/www.worldsci.org\/images\/members\/member_1577.jpg\" width=\"125\" height=\"160\" \/><\/dt>\n<\/dl>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>By\u00a0<\/b><strong><span style=\"color: #800000;\"><a href=\"http:\/\/www.worldsci.org\/php\/index.php?tab0=Scientists&amp;tab1=Display&amp;id=1577\" target=\"_blank\"><span style=\"color: #800000;\">Thomas Samuel Kuhn<\/span><\/a><\/span>\u00a0<\/strong><i>\u00a0<br \/>\n<\/i><strong><span style=\"color: #800000;\"><a title=\"\u201eDie Struktur wissenschaftlicher Revolutionen\u201c\" href=\"http:\/\/www.amazon.de\/Die-Struktur-wissenschaftlicher-Revolutionen-Taschenbuch-Wissenschaft\/dp\/3518067338\" target=\"_blank\"><span style=\"color: #800000;\">\u201eDie Struktur wissenschaftlicher Revolutionen\u201c<\/span><\/a><\/span>\u00a0<\/strong><span style=\"color: #000000;\">(Titel der Originalausgabe: \u201eThe Structure of Scientific Revolutions\u201c 1962, 1970)<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Nachstehend bringe ich eine Leseprobe aus Kapitel IX. des Buches von Th. S. Kuhn:\u00a0\u00a0<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #000000;\"><strong>Das Wesen und die Notwendigkeit wissenschaftlicher Revolutionen <\/strong>(Seiten 120 bis 122 der 2. deutschen Auflage von 1976).<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\"><strong><!--more-->Zitat:<br \/>\n<\/strong><\/span><span style=\"color: #000000;\">Clerk Maxwell teilte mit anderen Bef\u00fcrwortern der Wellentheorie des Lichts im neunzehnten Jahrhundert die \u00dcberzeugung, da\u00df sich die Lichtwellen durch einen materiellen \u00c4ther fortpflanzen m\u00fcssen. Das Ersinnen eines mechanischen Mediums, das solche Wellen tr\u00fcge, war f\u00fcr viele seiner f\u00e4higsten Zeitgenossen ein Standardproblem. Seine eigene Theorie jedoch, die elektromagnetische Theorie des Lichts, hatte \u00fcberhaupt keine Erkl\u00e4rung f\u00fcr ein Medium, das in der Lage w\u00e4re, Lichtwellen zu tragen, und sie machte ganz offensichtlich das Auffinden einer Erkl\u00e4rung noch schwieriger, als es vorher bereits erschien.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Anf\u00e4nglich war Maxwells Theorie aus ebendiesen Gr\u00fcnden weithin abgelehnt worden. Aber wie bei Newtons Theorie erwies es sich auch bei derjenigen Maxwells als schwer, auf sie zu verzichten, und als sie den Status eines Paradigmas erlangte, \u00e4nderte sich die Haltung der Gemeinschaft ihr gegen\u00fcber. In den ersten Jahrzehnten des zwanzigsten Jahrhunderts wirkte Maxwells Beharren auf der Existenz eines mechanischen \u00c4thers bald nur noch wie ein Lippenbekenntnis, was es ganz entschieden nicht gewesen war, und die Versuche, ein solches \u00e4therisches Medium zu ersinnen, wurden aufgegeben. Die Wissenschaftler hielten es nicht mehr f\u00fcr unwissenschaftlich, von einer elektrischen \u00bbVerschiebung\u00ab zu sprechen, ohne anzugeben, was verschoben wurde. Das Ergebnis war wiederum eine neue Reihe von Problemen und Normen, die schlie\u00dflich wesentlich an der Entstehung der Relativit\u00e4tstheorie beteiligt waren [Anmerkung 10].<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Diese charakteristischen Verlagerungen in der Auffassung der wissenschaftlichen Gemeinschaft von ihren g\u00fcltigen Problemen und Normen w\u00e4ren f\u00fcr die Thesen dieses Essays weniger bedeutungsvoll, wenn man annehmen k\u00f6nnte, da\u00df sie sich immer von einem methodologisch niedrigeren zu einem h\u00f6heren Typ vollz\u00f6gen. In diesem Falle w\u00fcrden auch ihre Wirkungen als kumulativ erscheinen. Es ist kein Wunder, da\u00df einige Historiker behauptet haben, die Geschichte der Wissenschaft zeige eine fortlaufende Steigerung der Reife und Verfeinerung der menschlichen Auffassung vom Wesen der Wissenschaft [Anmerkung 11].<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Doch ist es noch viel schwieriger, Argumente f\u00fcr eine kumulative Entwicklung der wissenschaftlichen Probleme und Normen vorzubringen, als f\u00fcr eine Kumulierung von Theorien. Der Versuch, die Schwerkraft zu erkl\u00e4ren, wurde zwar von den meisten Wissenschaftlern des achtzehnten Jahrhunderts mit Gewinn aufgegeben, war aber nicht auf ein an sich illegitimes Problem gerichtet; die Einw\u00e4nde gegen innewohnende Kr\u00e4fte waren weder unwissenschaftlich noch in irgendeinem herabsetzenden Sinne metaphysisch. Es gibt keine \u00e4u\u00dferen Normen, die eine Beurteilung dieser Art gestatten. Was geschah, war weder ein Absinken noch eine Hebung der Normen, sondern einfach ein Wechsel, den die Annahme eines neuen Paradigmas forderte. Au\u00dferdem ist dieser Wechsel seitdem r\u00fcckg\u00e4ngig gemacht worden und k\u00f6nnte es nochmals werden. Im zwanzigsten Jahrhundert gelang es Einstein, die Schwerkraft zu erkl\u00e4ren, und diese Erkl\u00e4rung hat die Wissenschaft zu einer Reihe von Kanons und Problemen zur\u00fcckgebracht, die in diesem speziellen Punkt eher denen von Newtons Vorg\u00e4ngern als denen seiner Nachfolger \u00e4hneln.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Ein anderes Beispiel: die Entwicklung der Quantenmechanik hat das methodologische Verbot, das in der chemischen Revolution entstand, umgekehrt. Die Chemiker versuchen jetzt, und zwar mit gro\u00dfem Erfolg, die Farbe, den Aggregatzustand und andere Eigenschaften der in ihren Laboratorien verwendeten und erzeugten Substanzen zu erkl\u00e4ren. Ein \u00e4hnlicher Umschwung k\u00f6nnte selbst in der elektromagnetischen Theorie im Gange sein. Der Raum ist in der heutigen Physik nicht die inaktive und homogene Grundlage, als die er in Newtons und Maxwells Theorie auftrat; einige seiner neuen Eigenschaften sind den einst dem \u00c4ther zugeschriebenen nicht un\u00e4hnlich; eines Tages werden wir vielleicht wissen, was eine elektrische Verschiebung ist.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Indem die obigen Beispiele die Betonung von den kognitiven auf die normativen Funktionen des Paradigmas verlagern, erweitern sie unser Verst\u00e4ndnis der Art und Weise, in der Paradigmata dem wissenschaftlichen Leben Form verleihen. Vorher haben wir in der Hauptsache die Rolle des Paradigmas als Tr\u00e4ger einer wissenschaftlichen Theorie untersucht. In dieser Rolle funktioniert es, indem es dem Wissenschaftler sagt, welche Entit\u00e4ten es in der Natur gibt und welche nicht, und wie sie sich verhalten. Durch diese Informationen entsteht eine Landkarte, deren Einzelheiten durch reife wissenschaftliche Forschung aufgehellt werden. Und da die Natur viel zu komplex und vielf\u00e4ltig ist, um auf gut Gl\u00fcck erforscht zu werden, ist diese Landkarte genauso wichtig f\u00fcr die kontinuierliche Weiterentwicklung der Wissenschaft wie Beobachtung und Experiment. Durch die von ihnen verk\u00f6rperten Theorien erweisen sich die Paradigmata als grundlegend f\u00fcr die Forschungst\u00e4tigkeit. Sie sind jedoch f\u00fcr die Wissenschaft in noch anderer Hinsicht konstitutiv, und darauf kommt es uns nun an.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Besonders unsere letzten Beispiele zeigen, da\u00df die Paradigmata die Wissenschaftler nicht nur mit einer Landkarte versorgen, sondern auch mit einigen wesentlichen Richtlinien f\u00fcr die Erstellung einer Landkarte. Wenn der Wissenschaftler ein Paradigma erlernt, erwirbt er sich Theorien, Methoden und Normen, gew\u00f6hnlich in einer unentwirrbaren Mischung. Wenn Paradigmata wechseln, gibt es deshalb normalerweise bezeichnende Verschiebungen der Kriterien, welche die Zul\u00e4ssigkeit von Problemen und den sich anbietenden L\u00f6sungen bestimmen.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Diese Beobachtung bringt uns zum Ausgangspunkt dieses Abschnittes zur\u00fcck, denn sie liefert uns den ersten deutlichen Hinweis darauf, warum die Wahl zwischen konkurrierenden Paradigmata regelm\u00e4\u00dfig Fragen aufwirft, die mit den Kriterien der normalen Wissenschaft nicht gel\u00f6st werden k\u00f6nnen. In dem Ma\u00dfe \u2014 einem ebenso bezeichnenden wie l\u00fcckenhaften Ma\u00df \u2013, in dem die Auffassungen zweier wissenschaftlicher Schulen dar\u00fcber, was ein Problem und was eine L\u00f6sung ist, auseinander gehen, werden sie zwangsl\u00e4ufig aneinander vorbeireden, wenn sie \u00fcber die relativen Vorz\u00fcge ihrer jeweiligen Paradigmata diskutieren. In den sich regelm\u00e4\u00dfig ergebenden, teilweise im Kreis laufenden Argumenten wird f\u00fcr jedes Paradigma gezeigt, da\u00df es mehr oder weniger den Kriterien, die es sich selbst vorschreibt, gerecht wird und einigen jener Kriterien, die ihm von seinen Gegnern zudiktiert werden, nicht v\u00f6llig gen\u00fcgt. <\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Es gibt auch noch andere Gr\u00fcnde f\u00fcr die L\u00fcckenhaftigkeit logischer Kontakte, die durchweg die Paradigmadiskussionen charakterisiert. Da beispielsweise kein Paradigma jemals alle von ihm definierten Probleme l\u00f6st und da keine zwei Paradigmata genau dieselben Probleme ungel\u00f6st lassen, bringen Paradigmadiskussionen immer die Frage mit sich: die L\u00f6sung welcher Probleme ist bedeutsamer? Wie der Streit konkurrierender Normen kann diese Wertfrage nur im Rahmen von Kriterien entschieden werden, die au\u00dferhalb der normalen Wissenschaft liegen, und gerade diese Zuflucht zu \u00e4u\u00dferen Kriterien macht ganz offensichtlich die Paradigmadiskussionen revolution\u00e4r. Es geht aber noch um etwas Grundlegenderes als Normen und Werte. Bisher habe ich nur behauptet, Paradigmata seien konstitutiv f\u00fcr die Wissenschaft. Jetzt m\u00f6chte ich darlegen, inwiefern sie auch f\u00fcr die Natur konstitutiv sind. <\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><span style=\"color: #000000;\">(Zitatende) <\/span><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0 By\u00a0Thomas Samuel Kuhn\u00a0\u00a0 \u201eDie Struktur wissenschaftlicher Revolutionen\u201c\u00a0(Titel der Originalausgabe: \u201eThe Structure of Scientific Revolutions\u201c 1962, 1970) Nachstehend bringe ich eine Leseprobe aus Kapitel IX. des Buches von Th. S. 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