{"id":2821,"date":"2010-07-24T09:19:10","date_gmt":"2010-07-24T08:19:10","guid":{"rendered":"http:\/\/ekkehard-friebe.de\/blog\/?p=2821"},"modified":"2010-07-24T09:28:13","modified_gmt":"2010-07-24T08:28:13","slug":"thomas-s-kuhn-%e2%80%9ex-revolutionen-als-wandlungen-des-weltbildes%e2%80%9c-4-forts","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ekkehard-friebe.de\/blog\/thomas-s-kuhn-%e2%80%9ex-revolutionen-als-wandlungen-des-weltbildes%e2%80%9c-4-forts\/","title":{"rendered":"Thomas S. Kuhn: \u201eX. Revolutionen als Wandlungen des Weltbildes\u201c (4. Forts.)"},"content":{"rendered":"<dl class=\"clearfix fotor\" style=\"text-align: center; width: 190px;\">\n<dt><img decoding=\"async\" title=\"Buchcover\" src=\"http:\/\/www.ekkehard-friebe.de\/Buch-Cover-Struktur- Revolutionen.jpg\" alt=\"\" \/> <\/dt>\n<dd style=\"text-align: left;\"><\/dd>\n<\/dl>\n<p>Aus dem bereits als Buchempfehlung genannten Buch<a href=\"http:\/\/\" target=\"_blank\"><span style=\"color: #800000;\"><br \/>\n<\/span><\/a><strong><a title=\"Permanenter Link zu Thomas Samuel Kuhn: \u201eDie Struktur wissenschaftlicher Revolutionen\u201c\" href=\"https:\/\/ekkehard-friebe.de\/blog\/thomas-samuel-kuhn-%e2%80%9edie-struktur-wissenschaftlicher-revolutionen%e2%80%9c\/\" target=\"_blank\"><span style=\"color: #800000;\">Thomas Samuel Kuhn: \u201eDie Struktur wissenschaftlicher Revolutionen\u201c<\/span><\/a><\/strong><br \/>\nbringe ich nachstehend eine weitere Leseprobe (Seiten 130 bis 132) aus dem Kapitel:<br \/>\n<strong>\u201eX. Revolutionen als Wandlungen des Weltbildes\u201c <\/strong>der 2. deutschen Auflage von 1976.<\/p>\n<p><strong>Zitat: <\/strong><\/p>\n<p style=\"TEXT-ALIGN: justify\">Verschiebungen dieser Art sind nicht auf Astronomie und Elektrizit\u00e4tslehre beschr\u00e4nkt. Wir haben schon einige \u00e4hnliche Umwandlungen der Sehweise erw\u00e4hnt, die der Geschichte der Chemie entnommen werden k\u00f6nnen. Wir sagten, Lavoisier habe Sauerstoff gesehen, wo Priestley entphlogistizierte Luft und andere \u00fcberhaupt nichts gesehen hatten. W\u00e4hrend er sich daran gew\u00f6hnte, Sauerstoff zu sehen, mu\u00dfte Lavoisier auch seine Anschauung von vielen anderen, vertrauteren Stoffen \u00e4ndern. Er mu\u00dfte beispielsweise ein zusammengesetztes Erz sehen, wo Priestley und seine Zeitgenossen eine elementare Erde gesehen hatten; und solcher Wandlungen gab es noch mehr.<\/p>\n<p style=\"TEXT-ALIGN: justify\"><!--more-->Zum allermindesten sah Lavoisier als Ergebnis der Entdeckung des Sauerstoffs die Natur anders. Und da er keinen Zugang zu dieser hypothetischen feststehenden Natur hatte, die er jetzt \u00bbanders sah\u00ab, zwingt uns das Prinzip der \u00d6konomie zu sagen, da\u00df Lavoisier, nachdem er den Sauerstoff entdeckt hatte, in einer anderen Welt arbeitete.<\/p>\n<p style=\"TEXT-ALIGN: justify\">Ich werde gleich die M\u00f6glichkeit untersuchen, diese seltsame Formulierung zu vermeiden, doch zuerst brauchen wir ein weiteres Beispiel f\u00fcr ihren Gebrauch; wir werden es aus einem der am besten bekannten Teile von Galileis Werk nehmen. Seit dem fernen Altertum haben die meisten Menschen diesen oder jenen schweren K\u00f6rper an einer Schnur oder einer Kette hin und her schwingen sehen, bis er schlie\u00dflich zum Stillstand kam. F\u00fcr die Anh\u00e4nger des Aristoteles, die glaubten, ein schwerer K\u00f6rper werde aus sich heraus von einer h\u00f6heren Lage in einen Zustand der nat\u00fcrlichen Ruhe in einer niedrigeren Lage bewegt, war der schwingende K\u00f6rper lediglich ein mit Behinderungen fallender K\u00f6rper. Von der Kette gehalten, konnte er am niedrigsten Punkt nur nach einer m\u00fchsamen Bewegung und einer betr\u00e4chtlichen Zeitspanne zum Stillstand kommen. Galilei aber sah beim Anblick des schwingenden K\u00f6rpers ein Pendel, einen K\u00f6rper, dem es fast gelang, die gleiche Bewegung immer wieder ad infinitum auszuf\u00fchren.<\/p>\n<p style=\"TEXT-ALIGN: justify\">Nachdem er das gesehen hatte, beobachtete Galilei auch noch andere Eigenschaften des Pendels und konstruierte aufgrund dieser Beobachtungen viele der bedeutendsten und originellsten Teile seiner neuen Dynamik. Von den Eigenschaften des Pendels leitete Galilei beispielsweise seine einzigen vollst\u00e4ndigen und folgerichtigen Argumente f\u00fcr die Unabh\u00e4ngigkeit von Gewicht und Fallgeschwindigkeit sowie f\u00fcr den Zusammenhang zwischen senkrechter H\u00f6he und Endgeschwindigkeit der Bewegungen auf schiefen Ebenen her [Anmerkung 10]. Alle diese Naturph\u00e4nomene sah er anders, als sie vorher gesehen worden waren.<\/p>\n<p style=\"TEXT-ALIGN: justify\">Wie kam es zu diesem Wandel des Sehens? Nat\u00fcrlich durch Galileis pers\u00f6nliches Genie. Bedenken wir aber, da\u00df sich Genie hier nicht in genauerer oder objektiverer Beobachtung des schwingenden K\u00f6rpers manifestiert. In bezug auf Beschreibung ist die aristotelische Wahrnehmung ebenso genau. Als Galilei berichtete, da\u00df die Schwingungsdauer des Pendels bei Amplituden bis zu 90\u00b0 unabh\u00e4ngig von der Amplitude war, brachte ihn seine Vorstellung vom Pendel dazu, weit mehr Regelm\u00e4\u00dfigkeit zu sehen, als wir heute entdecken k\u00f6nnen [Anmerkung 11]. Worum es hier zu gehen scheint, ist vielmehr, da\u00df ein Genie die Wahrnehmungsm\u00f6glichkeiten ausbeutete, die durch einen Paradigmawandel im Mittelalter geschaffen worden waren. Galilei war nicht ganz und gar zum Aristoteliker erzogen worden. Im Gegenteil, er war geschult, Bewegungen mittels der Impetustheorie zu analysieren, eines sp\u00e4tmittelalterlichen Paradigmas, das behauptete, die fortlaufende Bewegung eines schweren K\u00f6rpers sei auf eine Kraft zur\u00fcckzuf\u00fchren, die der Werfer, der seine Bewegung ausl\u00f6ste, in ihn hineingelegt habe. Jean Buridan und Nicole Oresme, zwei Scholastiker des vierzehnten Jahrhunderts, welche die Impetustheorie auf ihre vollkommensten Formulierungen brachten, sind die ersten, die in Schwingungsbewegungen alles sahen, was Galilei darin sah. Buridan beschreibt die Bewegung einer schwingenden Saite so, da\u00df zun\u00e4chst der Impetus beim Anschlagen der Saite eingegeben wird; der Impetus wird dann aufgebraucht, indem die Saite gegen den Widerstand ihrer Spannung verlagert wird; die Spannung tr\u00e4gt die Saite zur\u00fcck, wobei ein wachsender Impetus eingegeben wird, bis der Mittelpunkt der Bewegung erreicht ist; danach verlagert der Impetus die Saite in entgegengesetzter Richtung, wiederum gegen den Widerstand der Saitenspannung, und so weiter in einem symmetrischen Vorgang, der unendlich fortdauern kann. Sp\u00e4ter in diesem Jahrhundert umri\u00df Oresme eine \u00e4hnliche Analyse des schwingenden Steins, in der wir heute die erste Diskussion eines Pendels sehen [Anmerkung 12].<\/p>\n<p style=\"TEXT-ALIGN: justify\">Seine Anschauung folgt ganz eng derjenigen, mit welcher Galilei sich zum ersten Mal dem Pendel zuwandte. Zumindest in Oresmes Fall, und fast mit Sicherheit auch in Galileis, war es eine Anschauung, die der \u00dcbergang vom urspr\u00fcnglichen aristotelischen zum scholastischen Impetus-Paradigma f\u00fcr die Bewegung m\u00f6glich gemacht hatte. Solange dieses scholastische Paradigma nicht gefunden war, konnten die Wissenschaftler keine Pendel, sondern nur schwingende Steine sehen. Die Pendel wurden durch etwas ins Leben gerufen, das einem durch ein Paradigma herbeigef\u00fchrten Gestaltwandel sehr \u00e4hnlich war.<\/p>\n<p style=\"TEXT-ALIGN: justify\"><strong>(Zitatende) <\/strong><\/p>\n<p style=\"TEXT-ALIGN: justify\">Weitere Informationen zu <span style=\"text-decoration: underline;\">Thomas Samuel Kuhn<\/span> finden Sie <strong><a href=\"http:\/\/www.worldsci.org\/php\/index.php?tab0=Scientists&amp;tab1=Display&amp;id=1577\" target=\"_blank\"><span style=\"color: #800000;\">hier.<\/span><\/a><\/strong><\/p>\n<p style=\"TEXT-ALIGN: justify\">Beste Gr\u00fc\u00dfe<strong> <a title=\"Ekkehard Friebe\" href=\"http:\/\/www.worldsci.org\/php\/index.php?tab0=Scientists&amp;tab1=Display&amp;id=494\" target=\"_blank\"><span style=\"color: #800000;\">Ekkehard Friebe<\/span><\/a>\u00a0<\/strong><strong> <\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aus dem bereits als Buchempfehlung genannten Buch Thomas Samuel Kuhn: \u201eDie Struktur wissenschaftlicher Revolutionen\u201c bringe ich nachstehend eine weitere Leseprobe (Seiten 130 bis 132) aus dem Kapitel: \u201eX. 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