{"id":2820,"date":"2010-07-22T10:52:42","date_gmt":"2010-07-22T09:52:42","guid":{"rendered":"http:\/\/ekkehard-friebe.de\/blog\/?p=2820"},"modified":"2010-07-22T10:52:42","modified_gmt":"2010-07-22T09:52:42","slug":"thomas-s-kuhn-%e2%80%9ex-revolutionen-als-wandlungen-des-weltbildes%e2%80%9c-3-forts","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ekkehard-friebe.de\/blog\/thomas-s-kuhn-%e2%80%9ex-revolutionen-als-wandlungen-des-weltbildes%e2%80%9c-3-forts\/","title":{"rendered":"Thomas S. Kuhn: \u201eX. Revolutionen als Wandlungen des Weltbildes\u201c (3. Forts.)"},"content":{"rendered":"<dl class=\"clearfix fotor\" style=\"text-align: center; width: 190px;\">\n<dt><img decoding=\"async\" title=\"Buchcover\" src=\"http:\/\/www.ekkehard-friebe.de\/Buch-Cover-Struktur-Revolutionen.jpg\" alt=\"\" \/> <\/dt>\n<dd style=\"text-align: left;\"><\/dd>\n<\/dl>\n<p style=\"TEXT-ALIGN: justify\">Aus dem bereits als Buchempfehlung genannten Buch<br \/>\n<a title=\"Permanenter Link zu Thomas Samuel Kuhn: \u201eDie Struktur wissenschaftlicher Revolutionen\u201c\" href=\"https:\/\/ekkehard-friebe.de\/blog\/thomas-samuel-kuhn-%e2%80%9edie-struktur-wissenschaftlicher-revolutionen%e2%80%9c\/\" target=\"_blank\"><strong><span style=\"color: #800000;\">Thomas Samuel Kuhn: \u201eDie Struktur wissenschaftlicher Revolutionen\u201c<\/span><\/strong><\/a><br \/>\nbringe ich nachstehend eine weitere Leseprobe (Seiten 128 bis 130) aus dem Kapitel:<br \/>\n<strong>\u201eX. Revolutionen als Wandlungen des Weltbildes\u201c <\/strong>der 2. deutschen Auflage von 1976:\n<\/p>\n<p style=\"TEXT-ALIGN: justify\"><strong>Zitat: <\/strong><\/p>\n<p style=\"TEXT-ALIGN: justify\">Die Verschiebung der Sehweise, die es den Astronomen m\u00f6glich machte, den Planeten Uranus zu sehen, scheint aber nicht nur die Wahrnehmung des vorher bereits beobachteten Objekts ber\u00fchrt zu haben. Ihre Folgen reichten viel weiter. Obgleich das Beweismaterial nicht ganz eindeutig ist, darf man annehmen, da\u00df die von Herschel erzwungene geringf\u00fcgige Paradigmaver\u00e4nderung dazu beigetragen hat, die Astronomen f\u00fcr die nach 1801 rasch erfolgende Entdeckung der zahlreichen kleineren Planeten oder Asteroiden vorzubereiten. Wegen ihrer geringen Gr\u00f6\u00dfe zeigten sie nicht die anomalen Ausma\u00dfe, die Herschel wachsam gemacht hatten. Trotzdem waren die Astronomen, weil darauf vorbereitet, weitere Planeten zu finden, in der Lage, zwanzig in den ersten f\u00fcnfzig Jahren des neunzehnten Jahrhunderts mit Standardinstrumenten zu identifizieren [Anmerkung 5].<\/p>\n<p style=\"TEXT-ALIGN: justify\"><!--more-->Die Geschichte der Astronomie bietet viele andere Beispiele f\u00fcr \u00c4nderungen in der wissenschaftlichen Wahrnehmung, die durch Paradigmata herbeigef\u00fchrt wurden, sogar noch eindeutigere. Kann es denn beispielsweise ein Zufall sein, wenn westliche Astronomen erst in dem halben Jahrhundert, nachdem das neue Paradigma von Kopernikus aufgestellt worden war, an dem vorher unwandelbaren Himmel eine Ver\u00e4nderung bemerkten?<\/p>\n<p style=\"TEXT-ALIGN: justify\">Die Chinesen, deren Auffassung vom Kosmos Ver\u00e4nderungen am Himmel nicht ausschlo\u00df, hatten das Erscheinen vieler neuer Sterne am Firmament viel fr\u00fcher festgestellt. Die Chinesen hatten auch &#8212; und sogar ohne die Hilfe eines Fernrohrs &#8212; das Erscheinen von Sonnenflecken systematisch aufgezeichnet, Jahrhunderte bevor sie von Galilei und seinen Zeitgenossen gesehen worden waren [Anmerkung 6]. Sonnenflecken und ein neuer Stern waren keineswegs die einzigen Beispiele von Ver\u00e4nderungen, die unmittelbar nach Kopernikus am Firmament der westlichen Astronomen auftauchten. Unter Verwendung traditioneller Ger\u00e4te, manchmal nichts weiter als ein St\u00fcck Faden, entdeckten die Astronomen des sp\u00e4ten sechzehnten Jahrhunderts wiederholt, da\u00df Kometen nach Belieben durch das All wanderten, das fr\u00fcher den unwandelbaren Planeten und Fixsternen vorbehalten war [Anmerkung 7]. Gerade die Leichtigkeit und Schnelligkeit, mit der die Astronomen jetzt neue Dinge sahen, wenn sie mit alten Ger\u00e4ten alte Objekte betrachteten, l\u00e4\u00dft uns zu der Metapher greifen, da\u00df die Astronomen nach Kopernikus in einer anderen Welt lebten. Auf jeden Fall reagierte ihre Forschung, als w\u00e4re es wirklich so.<\/p>\n<p style=\"TEXT-ALIGN: justify\">Die vorangegangenen Beispiele wurden der Astronomie entnommen, weil die Beschreibungen von Himmelsbeobachtungen h\u00e4ufig in einer Form gegeben werden, deren Vokabular aus relativ reinen Beobachtungsbegriffen besteht. Nur in solchen Berichten k\u00f6nnen wir so etwas wie eine vollst\u00e4ndige Parallelit\u00e4t zwischen den Beobachtungen der Wissenschaftler und denen der Versuchspersonen des Psychologen zu finden hoffen. Wir m\u00fcssen aber nicht auf einer derart engen Parallelit\u00e4t bestehen, sondern k\u00f6nnen nur gewinnen, wenn wir unsere Norm etwas lockern. Wenn wir uns mit der allt\u00e4glichen Bedeutung des Verbs \u00bbsehen\u00ab zufrieden geben, werden wir schnell erkennen, da\u00df wir schon vielen anderen Beispielen f\u00fcr die Verschiebungen in der wissenschaftlichen Wahrnehmung, die einen Paradigmawechsel begleiten, begegnet sind. Dieser erweiterte Gebrauch der Ausdr\u00fccke \u00bbWahrnehmung\u00ab und \u00bbSehen\u00ab wird bald eine ausdr\u00fcckliche Rechtfertigung verlangen, doch soll zuerst ihre praktische Anwendung erkl\u00e4rt werden.<\/p>\n<p style=\"TEXT-ALIGN: justify\">Schauen wir noch einmal kurz auf zwei unserer fr\u00fcheren Beispiele aus der Geschichte der Elektrizit\u00e4t. W\u00e4hrend des siebzehnten Jahrhunderts, als ihre Forschung von der einen oder anderen Ausd\u00fcnstungstheorie geleitet wurde, sahen die Elektriker wiederholt Spreuteilchen von elektrisch geladenen K\u00f6rpern, die sie angezogen hatten, zur\u00fcckschnellen oder herabfallen. Das ist zumindest das, was die Beobachter des siebzehnten Jahrhunderts gesehen zu haben behaupteten, und wir haben keinen Grund, die Berichte \u00fcber ihre Wahrnehmung mehr anzuzweifeln als unsere eigenen. Vor die gleichen Apparate gestellt, w\u00fcrde ein moderner Beobachter elektrostatische Absto\u00dfung sehen (und nicht mechanisches oder gravitationsbedingtes Zur\u00fcckschnellen); aber im geschichtlichen Verlauf wurde, mit einer allgemein ignorierten Ausnahme, die elektrostatische Absto\u00dfung als solche erst erkannt, nachdem Hauksbees Gro\u00dfapparatur ihre Wirkungen stark vergr\u00f6\u00dfert hatte. Absto\u00dfung nach einer Aufladung durch Ber\u00fchrung war jedoch nur eine der vielen Absto\u00dfungswirkungen, die Hauksbee sah. Durch seine Forschungen wurde &#8212; fast wie bei einem Gestaltwandel &#8212; die Absto\u00dfung pl\u00f6tzlich <em>die<\/em> grundlegende \u00c4u\u00dferung des elektrischen Zustandes, und es war nunmehr die Anziehungskraft, die eine Erkl\u00e4rung erforderte [Anmerkung 8].<\/p>\n<p style=\"TEXT-ALIGN: justify\">Die im fr\u00fchen achtzehnten Jahrhundert sichtbaren elektrischen Ph\u00e4nomene waren sowohl feiner wie auch mannigfaltiger als die von Beobachtern im siebzehnten Jahrhundert gesehenen. Oder: nach der Rezipierung des Franklinschen Paradigmas sah der auf eine Leidener Flasche schauende Elektriker etwas anderes, als er vorher gesehen hatte. Aus dem Ger\u00e4t war ein Kondensator geworden, f\u00fcr den weder die Flaschenform noch das Glas erforderlich war. Vielmehr traten jetzt die beiden leitf\u00e4higen Schichten &#8212; von denen eine bei dem urspr\u00fcnglichen Ger\u00e4t nicht vorhanden war &#8212; in den Vordergrund. Wie schriftliche Er\u00f6rterungen und bildliche Darstellungen Schritt f\u00fcr Schritt bezeugen, waren zwei durch einen Nichtleiter getrennte Metallplatten zum Prototyp der ganzen Klasse geworden [Anmerkung 9]. Gleichzeitig erhielten andere induktive Wirkungen neue Beschreibungen, und wieder andere wurden zum ersten Mal bemerkt.<\/p>\n<p style=\"TEXT-ALIGN: justify\"><strong>(Zitatende) <\/strong><\/p>\n<p style=\"TEXT-ALIGN: justify\">Beste Gr\u00fc\u00dfe<strong> <a title=\"Ekkehard Friebe\" href=\"http:\/\/www.worldsci.org\/php\/index.php?tab0=Scientists&amp;tab1=Display&amp;id=494\" target=\"_blank\"><span style=\"color: #800000;\">Ekkehard Friebe<\/span><\/a>\u00a0<\/strong><strong> <\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aus dem bereits als Buchempfehlung genannten Buch Thomas Samuel Kuhn: \u201eDie Struktur wissenschaftlicher Revolutionen\u201c bringe ich nachstehend eine weitere Leseprobe (Seiten 128 bis 130) aus dem Kapitel: \u201eX. 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