{"id":2813,"date":"2010-07-03T08:20:29","date_gmt":"2010-07-03T07:20:29","guid":{"rendered":"http:\/\/ekkehard-friebe.de\/blog\/?p=2813"},"modified":"2010-07-03T08:20:29","modified_gmt":"2010-07-03T07:20:29","slug":"thomas-samuel-kuhn-%e2%80%9ex-revolutionen-als-wandlungen-des-weltbildes%e2%80%9c","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ekkehard-friebe.de\/blog\/thomas-samuel-kuhn-%e2%80%9ex-revolutionen-als-wandlungen-des-weltbildes%e2%80%9c\/","title":{"rendered":"Thomas Samuel Kuhn: \u201eX. Revolutionen als Wandlungen des Weltbildes\u201c"},"content":{"rendered":"<dl class=\"clearfix fotor\" style=\"text-align: center; width: 190px;\">\n<dt><img decoding=\"async\" title=\"Buchcover\" src=\"http:\/\/www.ekkehard-friebe.de\/Buch-Cover-Struktur-Revolutionen.jpg\" alt=\"\" \/> <\/dt>\n<dd style=\"text-align: left;\"><\/dd>\n<\/dl>\n<p style=\"TEXT-ALIGN: justify\">Aus dem bereits als Buchempfehlung genannten Buch<br \/>\n<a title=\"Permanenter Link zu Thomas Samuel Kuhn: \u201eDie Struktur wissenschaftlicher Revolutionen\u201c\" href=\"https:\/\/ekkehard-friebe.de\/blog\/thomas-samuel-kuhn-%e2%80%9edie-struktur-wissenschaftlicher-revolutionen%e2%80%9c\/\" target=\"_blank\"><strong><span style=\"color: #800000;\">Thomas Samuel Kuhn: \u201eDie Struktur wissenschaftlicher Revolutionen\u201c<\/span><\/strong><\/a><br \/>\nbringe ich jetzt eine weitere Leseprobe von den Seiten 123 bis 124 der 2. deutschen Auflage von 1976:\u00a0\n<\/p>\n<p style=\"TEXT-ALIGN: justify\"><strong>Zitat: <\/strong><\/p>\n<p style=\"TEXT-ALIGN: justify\"><strong>X. Revolutionen als Wandlungen des Weltbildes<br \/>\n<\/strong>Wenn der Wissenschaftshistoriker die Ergebnisse der fr\u00fcheren Forschung vom Standpunkt der zeitgen\u00f6ssischen Geschichtsschreibung aus untersucht, k\u00f6nnte sich ihm der Gedanke aufdr\u00e4ngen, da\u00df bei einem Paradigmawechsel die Welt sich ebenfalls ver\u00e4ndert. Unter der F\u00fchrung eines neuen Paradigmas verwenden die Wissenschaftler neue Apparate und sehen sich nach neuen Dingen um. Und was noch wichtiger ist, w\u00e4hrend der Revolutionen sehen die Wissenschaftler neue und andere Dinge, wenn sie mit bekannten Apparaten sich an Stellen umsehen, die sie vorher schon einmal untersucht hatten. Es ist fast, als w\u00e4re die Fachgemeinschaft pl\u00f6tzlich auf einen anderen Planeten versetzt worden, wo vertraute Gegenst\u00e4nde in einem neuen Licht erscheinen und auch unbekannte sich hinzugesellen.\n<\/p>\n<p style=\"TEXT-ALIGN: justify\"><!--more-->Nat\u00fcrlich geschieht in Wirklichkeit nicht ganz dies: es gibt keine geographische Verpflanzung; au\u00dferhalb des Labors gehen die allt\u00e4glichen Geschehnisse wie bisher weiter. Und doch, Paradigmawechsel veranlassen die Wissenschaftler tats\u00e4chlich, die Welt ihres Forschungsbereichs anders zu sehen. Soweit ihre einzige Beziehung zu dieser Welt in dem besteht, was sie sehen und tun, k\u00f6nnen wir wohl sagen, da\u00df die Wissenschaftler nach einer Revolution mit einer anderen Welt zu tun haben.<\/p>\n<p style=\"TEXT-ALIGN: justify\">Als einfachste Modelle f\u00fcr solche Ver\u00e4nderungen der Welt des Wissenschaftlers erweisen sich die bekannten Darstellungen eines visuellen Gestaltwandels als sehr lehrreich. Was in der Welt des Wissenschaftlers vor der Revolution Enten waren, sind nachher Kaninchen. Ein Mensch, der zuerst die Au\u00dfenseite eines Kastens von oben sah, sieht sp\u00e4ter die Innenseite von unten. Ver\u00e4nderungen dieser Art sind \u00fcbliche Begleiterscheinungen der wissenschaftlichen Ausbildung, wenn sie auch gew\u00f6hnlich langsamer vor sich gehen und fast nie r\u00fcckg\u00e4ngig zu machen sind. Bei einem Blick auf eine H\u00f6henlinienkarte sieht der Studierende Linien auf einem Bogen Papier, der Kartograph dagegen sieht das Bild eines Gel\u00e4ndeabschnitts. Beim Blick auf ein Blasenkammerphoto sieht der Studierende verworrene und unterbrochene Linien, der Physiker aber sieht die Aufzeichnung eines bekannten subnuklearen Vorgangs. Erst nach einer Anzahl solcher Umwandlungen des Sehbildes wird der Studierende ein Bewohner der Welt des Wissenschaftlers, der sieht, was der Wissenschaftler sieht, und reagiert, wie es der Wissenschaftler tut. Die Welt, in die der Studierende dann eintritt, ist jedoch nicht ein f\u00fcr allemal durch die Natur seiner Umwelt einerseits und der Wissenschaft andererseits festgelegt. Sie wird vielmehr gemeinsam von der Umwelt und der bestimmten normal-wissenschaftlichen Tradition, der zu folgen der Studierende angehalten wurde, bestimmt.<\/p>\n<p style=\"TEXT-ALIGN: justify\">Deshalb mu\u00df zur Zeit einer Revolution, da sich die normal-wissenschaftliche Tradition ver\u00e4ndert, die Wahrnehmung des Wissenschaftlers von seiner Umgebung neu gebildet werden &#8212; in manchen vertrauten Situationen mu\u00df er eine neue Gestalt sehen lernen. Wenn er das getan hat, wird die Welt seiner Forschung hie und da mit der vorher von ihm bewohnten nicht vergleichbar erscheinen. Das ist ein weiterer Grund, warum von verschiedenen Paradigmata geleitete Schulen immer etwas aneinander vorbeireden.<\/p>\n<p style=\"TEXT-ALIGN: justify\">In ihrer gebr\u00e4uchlichsten Form zeigen Gestaltexperimente nat\u00fcrlich lediglich das Wesen von Ver\u00e4nderungen in der Wahrnehmung. Sie sagen uns nichts \u00fcber die Rolle von Paradigmata oder von fr\u00fcher bereits assimilierten Erfahrungen beim Wahrnehmungsvorgang. F\u00fcr diese Frage jedoch steht eine reichhaltige psychologische Literatur zur Verf\u00fcgung, von welcher ein gro\u00dfer Teil aus der bahnbrechenden Arbeit des <em>Hanover Institute<\/em> herr\u00fchrt. Eine Versuchsperson, der eine Spezialbrille mit Umkehrlinsen aufgesetzt wird, sieht anf\u00e4nglich die ganze Welt auf dem Kopf stehend. Zu Beginn funktioniert das Wahrnehmungssystem der Versuchsperson in der Weise, wie es ohne Brille zu sehen gelehrt wurde, und das Ergebnis ist eine v\u00f6llige Desorientierung, eine akute pers\u00f6nliche Krise.<\/p>\n<p style=\"TEXT-ALIGN: justify\">Nachdem die Versuchsperson aber gelernt hat, sich der neuen Welt anzupassen, kippt das gesamte Gesichtsfeld um, gew\u00f6hnlich nach einer Zwischenperiode, in welcher das Sehbild verworren ist. Danach werden die Objekte wieder so wahrgenommen, wie es vor dem Aufsetzen der Brille der Fall war. Die Assimilation eines vorher anomalen Gesichtsfeldes hat auf das Feld selbst eingewirkt und es ver\u00e4ndert [Anmerkung 1]. W\u00f6rtlich und metaphorisch hat der an Umkehrlinsen gew\u00f6hnte Mensch eine revolution\u00e4re Umwandlung des Sehens durchgemacht.<\/p>\n<p style=\"TEXT-ALIGN: justify\"><strong>(Zitatende) <\/strong><\/p>\n<p style=\"TEXT-ALIGN: justify\">Beste Gr\u00fc\u00dfe<strong> <\/strong><a title=\"Ekkehard Friebe\" href=\"http:\/\/www.worldsci.org\/php\/index.php?tab0=Scientists&amp;tab1=Display&amp;id=494\" target=\"_blank\"><strong><span style=\"color: #800000;\">Ekkehard Friebe<\/span><\/strong><\/a><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aus dem bereits als Buchempfehlung genannten Buch Thomas Samuel Kuhn: \u201eDie Struktur wissenschaftlicher Revolutionen\u201c bringe ich jetzt eine weitere Leseprobe von den Seiten 123 bis 124 der 2. deutschen Auflage von 1976:\u00a0 Zitat: X. Revolutionen als Wandlungen des Weltbildes Wenn der Wissenschaftshistoriker die Ergebnisse der fr\u00fcheren Forschung vom Standpunkt der zeitgen\u00f6ssischen Geschichtsschreibung aus untersucht, k\u00f6nnte [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[],"class_list":["post-2813","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-deutschsprachige-kritik-der-relativitatstheorie"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/ekkehard-friebe.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2813"}],"collection":[{"href":"https:\/\/ekkehard-friebe.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/ekkehard-friebe.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/ekkehard-friebe.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/ekkehard-friebe.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2813"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/ekkehard-friebe.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2813\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/ekkehard-friebe.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2813"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/ekkehard-friebe.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2813"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/ekkehard-friebe.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2813"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}